Wils Vorkoster muss gehen

FC-Wil-Sportchef Erdal Keser wird nach nur zwei Monaten wieder entlassen. Zu hören ist von Zerwürfnissen mit Investor Mehmet Nazif Günal. Das Projekt sei nicht in Gefahr, so Roger Bigger.

Ralf Streule
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Erdal Keser sprach in den vergangenen Wochen gerne vom «langfristig ausgelegten Projekt» beim FC Wil. Nun muss der 54-Jährige abtreten. (Bild: Ralph Ribi)

Erdal Keser sprach in den vergangenen Wochen gerne vom «langfristig ausgelegten Projekt» beim FC Wil. Nun muss der 54-Jährige abtreten. (Bild: Ralph Ribi)

FUSSBALL. Sportlich hat sich der FC Wil am vergangenen Wochenende mit dem Sieg gegen Chiasso aufgefangen. Organisatorisch aber scheint im neu geführten Verein keine Ruhe einzukehren. Gestern abend vermeldete der Club, dass man sich per sofort von Sportchef Erdal Keser getrennt habe. Dies aufgrund «unterschiedlicher Auffassungen über die Ausführung der Funktion als Sportchef», wie es in der Medienmitteilung heisst.

Keser: Vorhut und Sprachrohr

Kesers Abgang kommt für viele überraschend. Der Deutsch-Türke, der einst für Borussia Dortmund über 100 Spiele absolvierte und später als Berater von türkischen Top-Clubs und der Nationalmannschaft unterwegs war, stiess im Frühjahr als Trainer zum FC Wil, ersetzte dort den erfolglosen Francesco Gabriele und schaffte mit dem Verein in der letzten Meisterschaftsrunde den Ligaerhalt. Er war so etwas wie die Vorhut und der Vorkoster des türkischen Investors Mehmet Nazif Günal, der einen Monat nach Kesers Engagement die Aktienmehrheit beim FC Wil übernahm. Keser wurde Anfang Juli Sportchef und galt fortan als Sprachrohr des Milliardärs, der von Istanbul aus seine Geschäfte betreibt. Keser schien lange das eigentliche Scharnier zwischen Günal und dem FC Wil zu sein.

Aus dem Umfeld des Vereins ist nun aber zu hören, dass ausgerechnet ein Zerwürfnis zwischen Keser und Günal am Ursprung der Trennung stehen soll. Diese Informationen kommentiert Wils Vizepräsident Roger Bigger auf Anfrage nicht. Auch geht er nicht detaillierter auf die Gründe der Entlassung ein. Sicher aber sei: «Der Verein kann ihm nichts Explizites vorwerfen.» Keser selbst war gestern für eine Stellungnahme nicht erreichbar.

Die Trennung wirft Fragen auf zur Zusammenarbeit der neuen Führung in Wil. Zieht sich der Interessenkonflikt durch den gesamten Verwaltungsrat? Hat der türkische Teil des Gremiums am Ende Bigger überstimmt, der seinerzeit Keser ins Boot geholt hatte? Laut Bigger steht der Verwaltungsrat hinter dem Entscheid – ob dieser einstimmig gefällt worden ist, kommentiert er jedoch nicht.

Amt des Sportchefs abgeschafft

Das ambitionierte Projekt mit dem türkischen Investor sei mit dieser Entlassung nicht in Gefahr, sagt Bigger. Auch verliere der FC Wil nicht so etwas wie ein Bindeglied. «Wir sind mit Herrn Günal auch so in engem, direktem Kontakt.» Dass ausgerechnet Keser abtreten muss, hinterlässt auch eine komische Note: Schliesslich war er es, der stets von der Langfristigkeit und der Stabilität des Projekts in Wil gesprochen hatte.

Offen ist nun die Frage, wie die sportlichen Entscheide in Zukunft gefällt werden. Gemäss Medienmitteilung wird «die Funktion des Sportchefs in dieser Art und Weise nicht mehr existieren». Neu würden die sportlichen Geschicke innerhalb der Sportkommission, bestehend aus den Verwaltungsratsmitgliedern sowie «fundierten Kennern der Schweizer Fussballszene», geleitet. Diese Neuausrichtung ist insofern erstaunlich, als dass man im Frühling noch explizit darauf Wert gelegt hatte, einen Sportchef zu installieren. «Die Ausgangslage hat sich geändert», sagt Bigger dazu. Die Sportkommission werde, angereichert mit Schweizer Fussballkennern, ein gutes Netzwerk mitbringen und für Wil das richtige Modell sein.