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Wildnis aus der Webcam

KREUZLINGEN. Der Kunstraum Kreuzlingen zeigt ab heute analoge Fotos des «Appenzeller Cowboys» Ueli Alder und eine konzeptionell durchdachte Multimedia-Installation von Timo Ullmann zum Thema Wildnis.
Dorothee Kaufmann
Timo Ullmann zeigt seine Multimedia-Installation «wilds.of.the.web» im Tiefparterre des Kunstraums Kreuzlingen; Vernissage ist heute abend. (Bild: Reto Martin)

Timo Ullmann zeigt seine Multimedia-Installation «wilds.of.the.web» im Tiefparterre des Kunstraums Kreuzlingen; Vernissage ist heute abend. (Bild: Reto Martin)

Wildnis steht im Zentrum des Tiefparterres – ein Thema, dem sich Timo Ullmann (1987) philosophisch und professionell nähert. Der Künstler und Fotograf lebt in Biel und weiss sehr genau, was er tut.

Er nähert sich dem Thema Wildnis auf dreierlei Art: Als Beobachter suchte er 19 Webcams rund um die Welt, die live den Blick in die pure Wildnis geben: darunter welche in Island und Alaska, ein Blick auf Vulkane in Japan – und sogar die ISS-Raumstation ist dabei.

Romantik vs. Technik

Die Live-Bildstreams ordnete Ullmann in dichter «Hängung» an, wie die Ölgemälde in den Salons des 19. Jahrhunderts. Damit schwingt die romantische Idee der Wildnis als Sehnsucht mit, wie etwa bei Caspar David Friedrich, und gewährt uns einen letzten virtuellen Blick auf die allmählich verschwindenden Reservoire echter Wildnis angesichts der zunehmenden Technisierung der Welt.

Technik greift aus in die Freiräume der Wildnis und macht sie sich untertan. Technik produziert aber auch eigene Wildnis in Form von weissem Rauschen und globalem Datenwildwuchs. Dies thematisiert Ullmann in vitro in einem kleinen Computernetzwerk, das aus anfänglich «weissen» Bild- und Tondaten vor unseren Augen Artefakte entstehen lässt. So steht der romantischen Sehnsucht nach Bildern der letzten Wildnisrefugien die artifizielle Wildnis aus Technik und Zufall gegenüber, die sich zunehmend Raum greift.

Rotlicht – ohne die Damen

Eine dritte Arbeit spürt der Funktionalisierung der Wildnis im Rotlichtmilieu nach. Hierfür loggte sich Timo Ullmann gegen Bezahlung virtuell in diverse Etablissements ein, um dann die Hauptdarstellerinnen aus dem Bild zu schicken. Den Künstler interessierte – zur Verwirrung der Damen – ausschliesslich die Landschaftsinszenierung des horizontalen Arbeitsplatzes. Dabei griff Ullmann gestaltend in Webcambilder ein, im Gegensatz zu Kurt Caviezels Webcamarbeiten, die auf Zufall basieren und eher als objets trouvés der Webcamkunst bezeichnet werden können.

Bei dieser Arbeit wurde sich Ullmann der globalen Möglichkeit virtueller Herrschaftsausübung bewusst und zeigt, wie die paradiesische Wildnis durch die Hintertür gesucht wird. Die Räume, in die er eingriff, stellen eine eigenartige Mischung aus Privatheit, professionellem Studio und Öffentlichkeit, Naturwildnis, Inszenierung, Kultur und Schmuddel dar: Naturwildnis – von Südseestrand bis Wasserfall – erscheint hier als ökonomisch nutzbar, als Sehnsuchtsobjekt.

Die TZ würdigt Ueli Alders Fotoausstellung separat.

Vernissage: Fr, 7.3., 19.30, Kunstraum Kreuzlingen, Bodanstrasse 7a; Fr 15–20, Sa/So 13–17 Uhr; bis 27.4.

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