Wiesers gemischte Gefühle

MARATHON. Der 34jährige Patrick Wieser war am Jungfrau-Marathon als Zwölfter zweitbester Schweizer. Trotzdem gab sich der Aadorfer nach dem anstrengenden Marathon selbstkritisch.

Peter Birrer
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Der Aadorfer Patrick Wieser bewältigte die höchst anstrengenden 42,195 Kilometer in 3:09:05,9 Stunden. (Bild: Peter Birrer)

Der Aadorfer Patrick Wieser bewältigte die höchst anstrengenden 42,195 Kilometer in 3:09:05,9 Stunden. (Bild: Peter Birrer)

Als er auf der Kleinen Scheidegg ankam, brauchte er keine Sekunde Verschnaufpause. Die eifrige Speakerin fing Patrick Wieser ab, hielt ihm das Mikrophon hin, und als hätte der Athlet aus Aadorf nicht eben 42,195 höchst anstrengende Kilometer bergwärts hinter sich, sagte er mit einem Strahlen: «Es ist immer schön, euch alle hier oben zu sehen.»

Wieser, 34, hatte die gewaltige Herausforderung in 3:09:05,9 Stunden bewältigt, und diese Zeit reichte, um als Zwölfter klassiert zu werden. Es war eine beeindruckende Leistung, erst recht unter Berücksichtigung der hochkarätigen Konkurrenz, die von Berglaufweltmeister Petro Mamo aus Eritrea bis Viktor Röthlin reichte, den Schweizer Marathon-Rekordhalter und Debütanten beim Wettkampf in Interlaken. Und doch übte Wieser hinterher Selbstkritik.

Platz unter den besten sechs

Einen Platz unter den ersten sechs hatte er angestrebt, und er wusste, dass es dafür eine Vorstellung wie 2012 benötigt hätte, eine Zeit um 3:03 Stunden also. Der Polizist hielt am Anfang mit den Besten mit, bis Kilometer 7 war er mit Röthlin unterwegs. Aber dann merkte er: «Auf Dauer geht das nicht, ich muss meine Energie einteilen.» Er liess die Gruppe ziehen und lief fortan ein einsames Rennen.

Bis nach Wengen funktionierte das wunschgemäss. Die giftige Steigung von Lauterbrunnen hinauf in den Wintersportort brachte er ohne erkennbare Mühe hinter sich, und er wähnte sich auf Kurs. Aber danach tauchten die ersten Probleme auf. Die Energie schwand zusehends, er büsste Zeit und Plätze ein. Am Schluss waren es über 18 Minuten auf den Sieger und über 15 auf Röthlin, den Dritten. «Dass er gut ist, wissen wir alle», sagte Wieser, «aber dass Röthlin auch am Berg so stark sein würde, hat mich ein wenig überrascht.»

Wiesers Erkenntnis

Im nachhinein, so Wiesers Bilanz, habe er vermutlich im ersten Streckenteil ein zu hohes Tempo angeschlagen, um am Ende in der Rangliste Röthlin und dem Rest näher zu sein. Und ein Blick auf die Bilanz der letzten sechs Jahre liess ihn sagen: «In ungeraden Jahren waren meine Leistungen durchwegs mässiger als in geraden Jahren.» Diese Erkenntnis macht Hoffnung für 2014 – wenn er denn überhaupt am Start sein wird. Noch immer denkt er an die Leichtathletik-EM in Zürich, für die er sich qualifizieren möchte.

Zunächst aber steht anderes auf dem Programm, die Tour de Tirol im Oktober etwa – oder der Greifenseelauf vom kommenden Samstag, der gleichzeitig als Schweizer Meisterschaft im Halbmarathon ausgetragen wird. Und Wieser weiss, wie man dieses Rennen gewinnt: 2008 holte er sich den Meistertitel am Greifensee. Wobei er auf der Kleinen Scheidegg noch nicht an den nächsten Samstag denken mochte. Er musste die Strapazen verarbeiten, wobei es mit der Erholung auch so eine Sache ist: Am Montagmorgen hatte er um 7.30 Uhr wieder Dienstantritt bei der Kantonspolizei.