Wieder ein Sprung ins Glück?

An der Kunstturn-EM in Montpellier tritt Giulia Steingruber im Sprung zur Titelverteidigung an. Einiges spricht dafür, dass die 21jährige Gossauerin am Samstag zum drittenmal Gold gewinnt.

Raya Badraun
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An der WM in Nanning fiel es Giulia Steingruber schwer, sich zu fokussieren. Für die EM hat sie nun ein Hilfsmittel. (Bild: Keystone)

An der WM in Nanning fiel es Giulia Steingruber schwer, sich zu fokussieren. Für die EM hat sie nun ein Hilfsmittel. (Bild: Keystone)

Zehn Schweizer Turnerinnen und Turner treten ab Mittwoch an der EM in Montpellier an. Doch im Vorfeld steht nur eine im Mittelpunkt: Giulia Steingruber. In Frankreich könnte die 21jährige Gossauerin zum drittenmal Sprung-Europameisterin werden. «Wenn sie nicht gewinnt, wäre ich enttäuscht», sagt ihr Trainer Zoltan Jordanov. Ein weiterer Sieg ist ein ambitioniertes Vorhaben. Doch vieles spricht dafür, dass Steingruber auch dieses Mal überzeugen kann – nicht nur ihre erfolgreiche Vergangenheit.

• Ritual gegen die Nervosität: «Den grössten Druck mache ich mir selbst», sagt Steingruber. «Und von Mal zu Mal wird er grösser.» Bis zur WM in Nanning ging die junge Gossauerin überraschend unbeschwert damit um. Doch in China wurde es zu viel für Steingruber. «Ich bin nicht klargekommen mit dem Druck, den ich mir selbst auferlegt hatte», sagte sie nach den Titelkämpfen. «Ich habe dies gespürt und war die ganze Zeit unruhig.» So hatte sie während des Wettkampfs Mühe, sich zu konzentrieren. In den vergangenen Monaten hat Steingruber mit einem Mentaltrainer an dieser Schwäche gearbeitet und ein Ritual einstudiert. Wenn das Training nicht nach Wunsch verläuft, geht Steingruber in die Garderobe. Dort setzt sie sich auf die Bank und atmet ein paar Mal tief durch. «Ich versuche, danach frisch in die Halle zurückzukehren», sagt Steingruber. Dabei helfen ihr auch Zettel, die sie sich an die Wand geklebt hat. «Locker bleiben», steht etwa darauf. Oder: «Du schaffst es.» Diese positiven Botschaften wird sie auch an die EM nach Montpellier mitnehmen. Ob sie helfen, wird sich in den kommenden Tagen zeigen. Ihr Trainer ist zuversichtlich. «Sie ist mental stark», sagt Jordanov, «und hat das nötige Selbstvertrauen.»

• Gute Vorbereitung: Dieses Selbstvertrauen verdankt Steingruber auch einer erfolgreichen Vorbereitung auf die europäischen Titelkämpfe. «Ich fühle mich heute besser als vor China», sagt die Gossauerin und lächelt. Vor der WM in Nanning im vergangenen Herbst lief vieles schief. Mehrmals war Steingruber krank und konnte deswegen nicht trainieren. Zudem kämpfte sie bei den Schrauben mit einer Blockade, die sie nur langsam lösen konnte. An einen schwierigeren Sprung war deshalb nicht zu denken. Ein halbes Jahr später sind diese Probleme vergessen. Auch den Sturz beim Sprung am Swiss Cup in Zürich hat Steingruber rasch hinter sich gelassen. Zwar war sie Anfang Jahr krank, doch nur kurz. «Das hatte keinen Einfluss auf die Vorbereitung», sagt Steingruber. «Ich habe das Gefühl, dass wir auf einem guten Weg sind.» Die ungestörte Vorbereitung half ihr vor allem auch beim Einüben der Sprünge. «Ich hatte noch nie so viel Zeit dafür», sagt Steingruber.

• Mehr Risiko: In den vergangenen Jahren setzten Steingruber und Trainer Jordanov auf Qualität und Sicherheit. Damit feierten sie im Sprung zwei EM-Goldmedaillen. An der EM in Montpellier ändert Jordanov nun seine Taktik. Voraussichtlich wird Steingruber bereits in der Qualifikation am Mittwoch den Jurtschenko mit Doppelschraube zeigen. An der EM und der WM im vergangenen Jahr hat sie diesen Sprung nur mit einer Schraube vorgeführt. Auch an der EM-Hauptprobe, dem Challenge Cup in Doha, setzte sie auf die einfachere Version, nachdem ihre stärkste Konkurrentin nicht überzeugen konnte. Ein Nachteil, da die Wettkampferfahrung fehlt? «Nein», sagt Steingruber. Das spiele für sie keine Rolle. Wichtiger sei ihr, dass sie ein gutes Podiumstraining absolvieren könne. Zudem stimmen sie die Trainings zuversichtlich. «Zwar geht es an manchen Tagen besser als an anderen», sagt Steingruber. «Aber bis jetzt bin ich immer auf den Füssen gelandet. Deshalb habe ich ein gutes Gefühl.»

• Minimierte Konkurrenz: In Montpellier fehlt eine Turnerin, mit der Steingruber an europäischen Titelkämpfen bereits mehrmals das Podest geteilt hat: Larisa Iordache. Im vergangenen Jahr holte die Rumänin am Sprung EM-Bronze, 2013 eine Silbermedaille. Nun muss sie wegen einer Fussverletzung auf ihren Auftritt in Frankreich verzichten. Dafür wird die Holländerin Noël van Klaveren antreten, die 2013 wie Iordache EM-Silber holte. Auch Anna Pawolowa aus Aserbaidschan, die 2014 eine EM-Silbermedaille gewann, wird dabei sein. Steingruber lässt sich davon nicht verunsichern. «Alle müssen erst noch springen», sagt sie. «Doch wenn ich meine Sprünge sauber zeige, ist vieles möglich.»

• Unterstützung vor Ort: Im Gegensatz zum vergangenen Jahr werden in Montpellier wieder Steingrubers Eltern im Publikum sitzen. «Ich freue mich immer, wenn sie kommen», sagt Giulia Steingruber. Vor allem nach Enttäuschungen ist sie froh über die Unterstützung. «Sie können mich anders aufbauen als Teamkollegen oder Trainer», so die Gossauerin. Wenn ihr Plan aufgeht, ist dies in Montpellier jedoch nicht nötig. Stattdessen können sie gemeinsam feiern.

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