Wie weiter nach der Ära Federer? Das sind die Regeländerungspläne der ATP

Der Tennissport steuert auf eine neue Zeitrechnung zu. Es gibt diverse Modernisierungspläne, doch deren Umsetzung ist ungewiss.

Jakob Weber
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Die möglichen Regeländerungen werden wohl nicht mehr während Federers Aktivzeit in Kraft treten. (Bild: freshfocus)

Die möglichen Regeländerungen werden wohl nicht mehr während Federers Aktivzeit in Kraft treten. (Bild: freshfocus)

Roger Federer arbeitet wenig – nur 15,6 Prozent. Dieser Fakt ergibt sich, wenn man sein Zweitrundenmatch gegen Radu Albot an den Swiss Indoors mit Stoppuhr schaut. Denn von den 1:02 Stunden Matchdauer war die gelbe Filzkugel nur 9:50 Minuten im Spiel. Den Rest der Partie verbrachten die beiden Spieler mit Seitenwechseln und der Vorbereitung zwischen den Punkten. 41:20 Minuten waren Federer und Albot damit beschäftigt, sich zwischen den Ballwechseln mit dem Handtuch den Schweiss abzuwischen oder die Bälle für den nächsten Service auszuwählen.

Der geringe Anteil an Spielzeit und die vielen Pausen sind nur zwei von vielen Problemen, die der Tennissport beachten muss, wenn er auch in Zukunft attraktiv bleiben will. Ungeregelte Startzeiten und unvorhersehbar lange Matches sind weder für die Fans noch für TV-Übertragung ideal. Auch die Spielervereinigung ATP hat erkannt, dass die Aufmerksamkeitsspanne in unserer Gesellschaft immer geringer wird und Sport vor allem spektakulär sein muss, um beim Publikum anzukommen.

Besonders Tennis, bei dem der Altersschnitt der Zuschauer über 50 Jahre beträgt, darf die Modernisierung nicht verpassen. Aktuell profitiert das Männertennis noch von seinen Aushängeschildern Roger Federer, Rafael Nadal und Novak Djokovic. «Der Laver Cup wird nur geschaut, weil Rafa und Roger mitspielen», sagt Stan Wawrinka. Doch die Karrieren der Dominatoren der letzten Jahre neigen sich dem Ende zu. Eine neue Zeitrechnung bahnt sich an.

ATP-Boss Chris Kermode ist die Modernisierung des Tennis ein grosses Anliegen. (Bild: Keystone)

ATP-Boss Chris Kermode ist die Modernisierung des Tennis ein grosses Anliegen. (Bild: Keystone)

Der abtretende ATP-Chairman Chris Kermode sagt: «Auch Tennis entwickelt sich. Es ist nur eine Frage der Balance. Das gladiatorische Eins gegen Eins, was das Tennis ausmacht, wird bestehen bleiben. Aber wir müssen schauen, wie wir es verbessern können.» Kermode liess den Worten Taten folgen. Dass er 2020 durch Andrea Gaudenzi ersetzt wird, sollte die Modernisierungspläne nicht aufhalten.

Kein zweiter Aufschlag und Sätze auf vier Games

Seit 2017 testet die ATP zahlreiche neue Regeln. Hierfür wurde sogar ein neues Turnier kreiert. An den Next Generation Finals in Mailand treten die besten acht Spieler des Jahres an, die 21 Jahre oder jünger sind. Gespielt wird Best of Five, die Sätze gehen aber nur noch auf vier Games. Bei 3:3 gibt es ein Tiebreak, bei Einstand entscheidet der nächste Punkt, bei Netzrolleraufschlägen wird weitergespielt. Zudem können sich die Spieler in den Pausen mit ihrem Trainer besprechen. Auf Linienrichter wird verzichtet. Stattdessen ermittelt ein Computer automatisch, ob die Bälle drin oder draussen sind.

Weitere Neuerungen wie das Weglassen des Einspielens oder des zweiten Aufschlags werden diskutiert. Mit Rafael Nadal gibt es schon einen prominenten Fürsprecher: «Wenn man in den kommenden Jahren keine vernünftige Lösung findet, befürchte ich, dass sich die Sportart in Zukunft nur noch über den Aufschlag definieren wird. Und das wäre gefährlich», so der Spanier. Auch die junge Generation ist Regeländerungen nicht abgeneigt: «Wenn es das Tennis aufregender macht, finde ich das gut», sagt Alex de Minaur. Der 20-jährige Australier wurde vergangenes Jahr Zweiter an den Next Gen Finals und steht in Basel im Halbfinal. «Da die Sätze kürzer sind, musst du jederzeit alarmiert sein. Es ist interessant, neue Dinge zu testen.»

Federer sieht vor allem Potenzial im Gesamterlebnis für den Fan

Roger Federer sieht das als Vertreter der alten Generation anders. Er sagt: «Ganz ehrlich, ich glaube nicht, dass in Sachen Regeln viel passieren wird.» Für ihn muss sich das Tennis vor allem neben dem Platz modernisieren. Damit auch nach seiner Zeit die Massen in die Hallen pilgern, müsse das Gesamterlebnis noch besser werden. «Das Tennis muss der Hauptdarsteller bleiben, aber die Leute sollen den gesamten Abend geniessen. Da gibt es bei vielen Turnieren Möglichkeiten, sich zu verbessern», sagt Roger Federer.

Nachgefragt bei ATP-Boss Chris Kermode

Wie plant die ATP, den Tennissport zu modernisieren?


Chris Kermode: Statistiken zu Zuschauern, Werbeeinnahmen und Preisgeld zeigen, dass es dem Profitennis nie besser ging. Die Einführung der Next Gen Finals hatte zum Ziel, aus einer starken Position heraus mit Innovationen zu experimentieren. Das Turnier hat uns ermöglicht, eine Reihe von Regeländerungen zu testen. Das Ziel war aber nie, sofortige radikale Veränderungen auf der Tour vorzunehmen.


Wann sehen wir Sätze auf vier Games auf der kompletten Tour?

Das Ziel der getesteten Regeln ist, die Zeit, in der nicht gespielt wird, zu reduzieren und die Anzahl spielentscheidender Punkte zu erhöhen. Wir wollen aber noch die Next Gen Finals 2019 abwarten. Es braucht weitere Daten, bevor irgendwelche radikalen Änderungen übernommen werden.

An welche Regeln denken Sie da?

Die Shotclock ist bereits da. Andere Änderungen wie kürzere Aufwärmzeiten werden genaustens geprüft. Das Hawk-Eye hat gezeigt, dass wir Tennis nicht nur mit neuen Regeln, sondern auch mit neuer Technologie modernisieren können. (jaw)

Die Swiss Indoors dürfte er damit nicht gemeint haben. Um die neue St. Jakobshalle und das Rahmenprogramm wird Basel von vielen anderen Turnierorten beneidet. Die verbesserte Infrastruktur, die von der ATP mit dem «Award of Excellence» ausgezeichnet wurde, ist neben der guten Organisation ein Argument dafür, dass die Swiss Indoors der ATP-Tour auch nach dem Karriereende von Federer erhalten bleiben. Präsident Roger Brennwald sagt, die Swiss Indoors würden sich bemühen, trotz der Grösse auf dem Boden zu bleiben. «Wir wollen uns an den Schwingern und nicht an den Fussballern, die zur WM in die Wüste geschickt werden, orientieren», sagt der 73-Jährige. Und als wolle er beweisen, dass er es ernst meint, sass am Mittwoch Schwingerkönig Christian Stucki neben Brennwald in der Loge.

Christian Stucki in der Loge (Bild: Freshfocus)

Christian Stucki in der Loge (Bild: Freshfocus)

Die Balance zwischen Volksnähe und Weltturnier zu finden, dürfte allerdings nicht einfach werden. Das Budget der Swiss Indoors ist unlängst auf über 20 Millionen Franken angewachsen. Die Miete stieg wegen der modernisierten Halle auf 700 000 Franken an. Die Suche nach neuen Sponsoren gestaltet sich immer schwieriger. Prognosen, wie es mit den Swiss Indoors nach dem Karriereende von Federer weitergeht, sind ebenso schwierig wie Prognosen, ob sich das Tennis in den nächsten Jahren völlig neu erfinden muss und die Next-Gen-Regeln vielleicht schon bald auf der gesamten Tennistour zum Einsatz kommen.

Eine neue Regel wurde aber bereits eingeführt. Auch in Basel tickt seit diesem Jahr eine Shotclock. 25 Sekunden haben die Spieler zwischen den Punkten Zeit. Bei Federer lief die Uhr in dieser Woche allerdings nie vorzeitig ab. Die Regeländerung führt also nur bedingt dazu, dass das Spiel schneller und spektakulärer wird. Aber vielleicht kommen ja schon bald andere neue Regeln dazu. Ideen sind vorhanden.