Wie Sportkommentatoren, Moderatoren und Reporter des Schweizer Fernsehens mit Kritik umgehen

Kaum jemand steht so sehr unter öffentlicher Beobachtung wie Frauen und Männer, die im Schweizer Fernsehen über Sport sprechen – welche Qualitäten braucht es? Und wie gut ist SRF Sport?

Etienne Wuillemin
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Stefan Hofmänner (links) mit Experte Marc Berthod.

Stefan Hofmänner (links) mit Experte Marc Berthod.

Bild: Peter Schneider/Keystone

Sie stehen manchmal fast mehr im Mittelpunkt als die Sport-Stars selbst: Die Frauen und Männer, die bei SRF den Sport kommentieren und moderieren. Es vergeht kaum eine Woche, in der nicht über sie diskutiert wird. Besonders heftig war jüngst der Fall von Ski-Kommentatorin Michèle Schönbächler, die über Tage vom «Blick» kritisiert wurde.

Auch an diesem Wochenende, wenn die Ski-Stars in Wengen ihre Rennen bestreiten, werden wieder bis zu eine Million Zuschauer vor den Bildschirmen sitzen und den Kommentatoren und Experten gebannt lauschen. Stefan Hofmänner und Marc Berthod begleiten die Rennen am Lauberhorn. Derweil wird Schönbächler die Rennen der Frauen in Sestriere kommentieren.

Was aber macht gute Kommentatorinnen und Kommentatoren aus?

Susan Schwaller sitzt in einem Sitzungszimmer von SRF in Oerlikon, als sie uns zum Gespräch empfängt. «In erster Linie muss jemand authentisch sein», sagt die Chefredaktorin von SRF Sport.

«Dann braucht es Sprachkompetenz, Fachwissen – und schnelles Denken.»

Derzeit arbeiten knapp 40 Personen für SRF Sport vor der Kamera oder am Mikrofon. Fälle von Medienkampagnen wie jene gegen Schönbächler gibt es immer wieder. Alt Star Beni Thurnheer sagt: «Niemand ist davor gefeit. Und die Wahrscheinlichkeit ist riesig, dass jede und jeder einmal mit Kritik konfrontiert ist.» Wie damit umgehen? «Ich kann nur einen Tipp geben: Das Gewitter über sich ergehen lassen, ruhig bleiben, möglichst nicht reagieren – dann ist es auch schnell wieder vorbei.» Entscheidend sei aber, dass die Chefs hinter einem stünden.

Susan Schwaller gibt zu, dass der «Fall Schönbächler» auch sie selbst persönlich betroffen machte. Verständnis für die Kampagne hat sie nicht, sie hält sie für «masslos übertrieben». Schwaller steht voll und ganz hinter Schönbächler. «Fundierte Kritik nehmen wir gerne entgegen. Wir erhalten regelmässig Feedback vom Publikum, wenn unsere Mitarbeitenden im TV zu sehen oder zu hören sind.» Doch:

«Mit Beleidigungen, herablassenden oder gar sexistischen Kommentaren werden aber Grenzen überschritten.»

Darum sagt Schwaller auch: «Bei strafrechtlich relevanten Äusserungen leisten wir juristische Unterstützung.»

SRF überträgt derzeit rund 30 Sportarten regelmässig live. Die Anzahl Sportstunden am TV hat sich im Vergleich zu früher massiv vergrössert. Darum ist die einzelne Kommentatorin oder der einzelne Moderator grundsätzlich nicht mehr so sehr im Rampenlicht wie früher. Allerdings gibt es noch immer Sportarten, welche die Leute besonders bewegen: Fussball, Ski alpin und Tennis – solange Roger Federer spielt. Beni Thurnheer erinnert sich: «An den Olympischen Spielen in Moskau waren wir zu viert und haben alles untereinander aufgeteilt. Und die Zusammenfassungen am Abend haben wir dann auch noch gemacht.» Darum stellt Thurnheer auch klar: «Verglichen mit heute waren unsere Livekommentare qualitativ viel schlechter.»

SRF muss ein Interesse haben, dominante Figuren aufzubauen

Die Zeit der dominanten Figuren und Allzweckwaffen à la «Beni national» oder Matthias Hüppi ist heute vorbei. «Aber darum geht es auch nicht», sagt Susan Schwaller, «unsere Leute arbeiten nicht beim SRF, um berühmt zu werden, sondern weil sie auch heute in einer rasenden Welt die besonderen Geschichten finden wollen». Doch in einer immer schnelleren Welt müsste es im Interesse unseres nationalen Senders sein, weiterhin bedeutende Figuren aufzubauen. Gerade im Skisport leidet SRF noch immer unter der Rücktrittswelle von Hüppi, Jann Billeter und Dani Kern.

Eine wichtige Frage ist auch, wie das Fernsehen mit Experten umgeht. In vielen Sportarten ist ein solcher längst Usus. Dabei besteht die Gefahr, dass dadurch Kommentatoren und Kommentatorinnen in den Schatten gestellt werden – gerade, wenn auch der Experte schon lange dabei ist und überdies aufgrund seiner Sportvergangenheit einen hohen Bekanntheitsgrad hat. Beni Thurnheer sagt:

«Die Zusammenarbeit mit Experten ist dann toll, wenn man sich auch menschlich gut versteht – und sich der Experte manchmal zurücknimmt.»

Festangestellte Experten hat SRF nicht. Sie werden pro Einsatz bezahlt. Für Susan Schwaller hat sich das Modell bewährt: «Die Expertinnen und Experten sind einst selber im Starthaus gestanden oder haben die Siegestrophäe in die Höhe gestemmt. Diese Erfahrungen und Eindrücke können nur sie ans TV-Publikum weiterreichen.»

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