Wie ein Adler im Käfig: Wenn der OL-Läufer auf dem Laufband einen Weltrekord plant

Der vierfache OL-Weltmeister Matthias Kyburz will am Donnerstagabend 50 Kilometer auf dem Laufband so schnell bewältigen wie kein anderer vor ihm. 

Rainer Sommerhalder
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OL-Spezialist Matthias Kyburz hat schon öfters bewiesen, dass er es mit den besten Langstreckenläufern der Schweiz aufnehmen kann. (Bild: Alexander Wagner; Bremgarten, 23. Februar 2019)

OL-Spezialist Matthias Kyburz hat schon öfters bewiesen, dass er es mit den besten Langstreckenläufern der Schweiz aufnehmen kann. (Bild: Alexander Wagner; Bremgarten, 23. Februar 2019)



Alexander Wagner

Es gibt kein abwechslungsreicheres Laufvergnügen als den Orientierungslauf. Unterwegs in der reinen Luft des Waldes bietet jeder Meter der Strecke eine neue Perspektive. Dazu wird auch der Kopf auf dem Weg von Posten zu Posten gefordert.

Der Aargauer Matthias Kyburz ist in dieser Sparte seit vielen Jahren einer der Allerbesten. Doch auch der vierfache Weltmeister sieht sich sportlich derzeit vom Coronavirus ausgebremst. Sämtliche grossen Wettkämpfe des Jahres sind abgesagt, darunter bereits auch der herbstliche Weltcupfinal im Trentino. Einzig die Sprint-WM in Dänemark ist vorerst einmal vom Juli auf Mitte Oktober verschoben worden.

Für den 30-jährigen Kyburz ist die Absageflut besonders ärgerlich. Nach einem verletzungsbedingt unbefriedigenden 2019 sprühte der Fricktaler in der Saisonvorbereitung vor Motivation und Tatendrang. Den alljährliche Leistungstest im März absolvierter er mit persönlichen Bestwerten.

Nationaltrainer Gonon: Bist du sicher?

In dieser Situation kam Matthias Kyburz die Aufforderung von Nationaltrainer François Gonon an alle Kaderathleten, sich ein Projekt zur sportlichen Weiterentwicklung vorzunehmen, wie gerufen. Gemeinsam mit einem Kollegen aus der Laufszene entstand die Idee, einen Weltrekordversuch zu unternehmen.

Und was für einer! Kyburz will diesen Donnerstagabend ab 17.30 Uhr in einer Lagerhalle in Olten 50 Kilometer auf dem Laufband in weniger als 2:57:25 Stunden zurücklegen. So lautet die bisherige Bestmarke des Deutschen Florian Neuschwander. Die Tatsache, dass dieser Rekord allein in diesem Jahr bereits zweimal verbessert wurde, zeugt wohl auch von der Not der coronageplagten Ausdauerathleten.

Doch gerade für den privilegierten Freiluftsportler Kyburz müssen sich drei Stunden auf einem monotonen Laufband anfühlen wie für einen Adler der Käfig. Der fünffache OL-Gesamtweltcupsieger trainiert praktisch nicht auf solchen Geräten, hat sich kaum spezifisch vorbereitet und ist noch nie in seiner Karriere 50 Kilometer am Stück gerannt. Das Projekt erscheint derart ungewöhnlich, dass selbst OL-Nationaltrainer Gonon skeptisch zurückfragte: «Bist du sicher, dass du dies tun willst?»

2 Minuten 30 Sekunden pro Kilometer

Kyburz ist sich sicher, auch wenn er keine Ahnung über seine Erfolgschancen hat. «Diese Voraussetzungen machen das Vorhaben umso spezieller. Es wird vor allem mental eine grosse Herausforderung», sagt er. Dass er 50 Kilometer in einem Kilometerschnitt von 3:30 Minuten rennen kann, davon ist er angesichts seiner Verfassung überzeugt.

In dieser liegt auch der Reiz des Weltrekordversuchs. «Während viele Leute um ihre berufliche Zukunft bangen, bin ich als Sportler in dieser Zeit auf einem Luxusgut sitzen geblieben: einer Topform!», sagt der OL-Könner. Deshalb ist für Matthias Kyburz klar, dass er neben den zwei von der Corona-Krise gefärbten persönlichen Zielen – eine spezielle Herausforderung anzunehmen und Durchhaltewillen zu beweisen – auch eine gemeinnützige Idee verfolgt. Er ruft im Rahmen seines Projekts dazu auf, für den heutigen Solidaritätstag der Glückskette zu spenden, etwa in Form eines Motivationssongs während seines Wettkampfs. Mehr Infos dazu auf www.glueckskette.ch.

Der Weltrekordversuch vom Donnerstagabend wird auf www.runningcoach.me, auf Youtube und auf Facebook live übertragen und kommentiert. Dazu äussern sich während der Übertragung verschiedene Experten wie der ehemalige Marathonläufer Viktor Röthlin zu den Eigenheiten des Unterfangens.