Wie der Thurgauer Ruderer Nico Stahlberg alles daran setzt, dass 2020 kein verlorenes Jahr wird

Der Thurgauer Sportler aus Schönenberger hat durch die Verschiebung der Olympischen Spiele von Tokio eine zweite Chance bekommen.

Raya Badraun
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Ein Bild aus anderen Zeiten: Nico Stahlberg (links) beim Langstreckentest mit Markus Kessler in Mulhouse.

Ein Bild aus anderen Zeiten: Nico Stahlberg (links) beim Langstreckentest mit Markus Kessler in Mulhouse.

Bild: jeanmiphotographies

Es gibt keinen Tag, an dem Nico Stahlberg stillsitzt. Daran hat auch das Coronavirus nichts geändert. Der Thurgauer fährt Velo, geht Joggen, unternimmt Wanderungen. «Eigentlich haben wir es gut», sagt er. «Wir Sportler können unseren Job machen, wir können trainieren. Andere haben viel zu viel zu tun – oder gar nichts mehr.»

Auf dem See hingegen ist er, der Ruderer, kaum mehr anzutreffen. Das letzte Mal, als er im Boot an die Grenzen ging, ist schon über einen Monat her. Damals war das Coronavirus schon in aller Munde. In der Welt von Stahlberg war es jedoch noch nicht ganz angekommen.

Unter verschärften Sicherheitsmassnahmen

Er konnte noch normal trainieren und auch die Trials, die verbandsinternen Ausscheidungsrennen, fanden statt. Zwar nicht in Italien, wie ursprünglich geplant, aber doch im Ausland.

Unter verschärften Sicherheitsmassnahmen reisten die Schweizer Ruderer Mitte März mit dem Auto nach München. Auf dem Weg durften sie nicht einkehren. Einkaufen war auch vor Ort nicht erlaubt. Essen für die Fahrt, Snacks für die Wettkämpfe brachten sie von zu Hause mit.

In München hielten sie sich nur im Hotel oder an der Rennstrecke auf. «Das ist aber eigentlich gar nicht so speziell. Bei Wettkämpfen ist es ähnlich», sagt Stahlberg.

Mehrere Tage in Quarantäne für nichts

Erst als er wieder in die Schweiz fuhr, sah Stahlberg das Ausmass der Coronapandemie. In Bayern war kaum mehr ein Auto oder Mensch unterwegs, an der Grenze stauten sich hingegen die Fahrzeuge. Deutschland hatte beschlossen, sie vorübergehend zu schliessen.

Am gleichen Tag wurde bekannt, dass in der Schweiz alle Sportstätten schliessen müssen – auch die Ruderzentren. Das war am 15. März. Es war nur der Anfang. Seither hat das Coronavirus alles auf den Kopf gestellt. Mehrmals hat Stahlberg am Telefon erzählt, wie es nun für ihn weitergeht, was die nächsten Schritte, was die Pläne sind. Und nach jedem Gespräch änderte sich über Nacht wieder alles.

Einmal verbringt er mehrere Tage in Selbstquarantäne, damit er in Tenero auf dem See trainieren kann. Er verlässt das Elternhaus in Schönenberg nicht mehr, trainiert bis zu dreimal pro Tag im Kraftraum des Vaters im Keller. Doch kurz vor der Abreise wird auch die Anlage des Bundesamtes für Sport in Tenero geschlossen. Der ganze Aufwand für nichts. Er sagte damals:

«Ich versuche flexibel zu bleiben – und nicht zu viel nachzudenken.»

Auch die Ausscheidungsrennen in München führten zu mehr Fragen als Antworten. Stahlberg wollte sich dort für den Vierer ohne Steuermann empfehlen, ein Boot, das bereits einen Quotenplatz für Olympia geholt hatte. Erst im vergangenen Herbst hat er entschieden, sich auf die Riemenboote zu konzentrieren.

Auch weil die Chance damit grösser war, in Tokio dabei sein zu können. Ganz zufrieden war er nach den Trials nicht. Mehr will er dazu nicht sagen, auch weil die Ergebnisse nie offiziell bekanntgegeben wurden. Anders als sonst gab es keine Teamvorstellung. Doch ist es in diesem Jahr überhaupt noch wichtig, wer es in München, in welches Boot geschafft hat?

Schon früh wurden alle Weltcup-Rennen abgesagt. Auch die Olympischen Spiele finden 2020 nicht statt. Der einzige Termin im Kalender der Ruderer ist momentan die EM in Poznan, die in den Herbst verschoben wurde. Vom 9. bis 11.  Oktober soll der Anlass stattfinden. «Es wäre das erste Rennen seit über einem Jahr», sagt Stahlberg. Doch es kann genau so gut sein, dass auch dieser Event gestrichen wird.

Im Ausnahmezustand

In diesem Chaos aus verschobenen Terminen und Unsicherheiten versucht Stahlberg sein Leben zu ordnen, neue Pläne zu schmieden. «So ein einschneidendes Ereignis gab es noch nie. Für alle ist es ein Ausnahmezustand», sagt der 28-Jährige. «Da macht man sich viele Gedanken, auch ob und wie es weitergehen soll. Als junger Ruderer hat man noch so viel Zeit. Da spielt ein Jahr mehr oder weniger keine Rolle.» Er sagt auch:

«Je älter man wird, desto mehr fragt man sich hingegen, ob man das alles nochmals will.»

Es ist kompliziert, wie so vieles in diesem Jahr. Stahlberg hat im vergangenen Sommer sein Studium der Forstwissenschaften unterbrochen, um sich optimal auf die Spiele in Japan vorzubereiten. Ab Herbst wollte er dann wieder Vollzeitstudent sein, auch weil der Unterbruch auf ein Jahr beschränkt ist. Längere Pausen sind von der Hochschule aus nicht vorgesehen und auch nicht erwünscht.

Und doch versucht Stahlberg nun, den Wiedereinstieg auf den Herbst 2021 zu verschieben. Denn der neue Termin der Olympischen Spiele ist eine Chance. Seine Chance.

Nicht in Topform – trotz Olympiajahr

Im kommenden Frühling finden erneut Ausscheidungsrennen statt. Alles beginnt wieder bei null. Jeder hat die Chance, sich für sein Traumboot zu empfehlen – auch Stahlberg. «Ich will diesen Weg weitergehen», sagt er. «Die Frage ist nur wie.» Es sei im Vorfeld der Trials nicht alles gut gelaufen. 2020, dem Jahr der Olympischen Spiele, hätte Stahlberg in Topform sein müssen. Das war er in München jedoch nicht. Er macht sich in diesen Tagen und Wochen viele Gedanken darüber, was anders sein müsste, was optimiert werden könnte. Und er will mit dem Verband sprechen, den Trainern.

Von dort kommen die Trainingspläne. In einer Teamsportart ist es schwierig, einen eigenen Weg zu gehen. «Doch vielleicht brauche ich etwas anderes als die Jungen», sagt Stahlberg. Er will alles versuchen, dass 2020 kein verlorenes Jahr ist. Trotz der Coronakrise, trotz der Wettkampfabsagen.