Wie aus «Tausend und einer Nacht»

FRAUENFELD. Der Tunesier Nacer Khemir gilt als Märchenerzähler des nordafrikanischen Films. In Zusammenarbeit mit der Bibliothek der Kulturen zeigt das Cinema Luna zwei seiner Filme – einen frühen und den jüngsten, in dem Khemir selber erzählt.

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Wie aus 1001 Nacht: Szene aus Nacer Khemirs Film «Le collier perdu – Tawk al hamama al mafkoud», am Wochenende in Frauenfeld zu sehen. (Bild: pd/Trigon)

Wie aus 1001 Nacht: Szene aus Nacer Khemirs Film «Le collier perdu – Tawk al hamama al mafkoud», am Wochenende in Frauenfeld zu sehen. (Bild: pd/Trigon)

Zwanzig Jahre liegen zwischen «Le collier perdu de la colombe» und «Sheherazade», und beide Filme Nacer Khemirs verbindet seine Lust am Erzählen, wie sie Sheherazade so gut beherrscht hat in «Tausend und einer Nacht», die ihren Kopf gerettet hat, indem sie dem Sultan Nacht für Nacht eine Geschichte erzählte.

Nacer Khemir kennt die Erzähltradition wohl. 1948 als einziger Sohn neben fünf Töchtern in Tunesien geboren, war er begeistert von der Zivilisation seines Landes, von der andalusischen Vergangenheit seiner aus Córdoba stammenden Grossmutter (Andalusien stand fast sechshundert Jahre unter islamischer Herrschaft) und dem von ihr vermittelten poetischen Erbe. Khemir wurde Erzähler und begann zu malen und Geschichten zu illustrieren. Dann drehte er Filme, die nie sein erzählerisches Talent verleugnet haben; am bekanntesten geworden ist «Bab'Aziz» (2005) von einem Mädchen, das mit seinem Grossvater, einem blinden Derwisch, durch die Wüste zieht.

Das Wort hat den Vorrang

Die Geschichten der Sheherazade kamen aus dem indisch-persischen Raum, Handelsreisende brachten sie in Umlauf. Sie bilden das, was man als die «Geschichten aus 1001 Nacht» bezeichnet. Über die Jahrhunderte hinweg haben Generationen von Erzählern sie überliefert.

Der Regisseur Nacer Khemir filmt in «Sheherazade» (2011) in aller Schlichtheit den Erzähler Nacer Khemir im Halbdunkel; Kerzen symbolisieren die Feuer der Wüste. Der Erzähler sitzt einfach da auf seinem Stuhl. Die Magie des Wortes kann sich im Saal des kleinen Theaters in Tunis entfalten – und im Raum des Kinos. Der Charme strahlt aus, man lauscht, man wünschte sich, dass die Erzählung nie aufhöre. Ab und zu illustriert eine kleine Szene das Gehörte, sorgsam gefilmt und in Harmonie mit dem Vorgetragenen – stets darauf bedacht, dem Wort den Vorrang zu gewähren, damit unsere Hörfähigkeit nicht gestört werde. Dieses scheinbar bescheidene Dispositiv offenbart einen ungemeinen Reichtum und unterstreicht den oralen Charakter der Erzählkunst. Das Wort hält uns am Leben.

Sechzig Wörter für die Liebe

Auch die traumhaft schönen Bilder von «Le collier perdu de la colombe» (1991) erinnern an den Erzählstil von «1001 Nacht». Khemir beschwört die Blütezeit der andalusisch-arabischen Hochkultur. An das mittelalterliche Buch «Das Halsband der Taube» erinnernd, schildert er kontrastreiche Facetten der Liebe, für die allein die arabische Sprache sechzig Begriffe kennt. Die Geschichte von Hassan, der bei einem Meister Kalligraphie erlernt, bildet den Rahmen für die Episoden. Aus ihnen kristallisiert sich der magische Bann der Prinzessin von Samarkand heraus, deren Bild Hassan auf einer versengten Buchseite mit sich trägt. Der Film nimmt uns mit in eine Zeit, in der Dschinns (Geister) und Visionen noch real waren; wir entdecken das friedliche Zusammenleben verschiedener Kulturen, Religionen und Lebensformen. (dl)

Sa, 16.2., 17.00, So, 24.2., 11.00: Das verlorene Halsband der Taube So, 17.2., 11.00, Sa, 23.2., 17.00: Sheherazade. www.cinemaluna.ch