Champions League
Wickys Werk - eine Betrachtung aus der Vogelperspektive

Warum Raphael Wicky ein modernerer Trainer ist als sein Vorgänger Urs Fischer und sich das in der Champions League auszahlt, in der Meisterschaft aber eher zu Problemen führt.

Sébastian Lavoyer
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Raphael Wicky bei der Pressekonferenz vor dem Champions-League-Spiel gegen ZSKA Moskau

Raphael Wicky bei der Pressekonferenz vor dem Champions-League-Spiel gegen ZSKA Moskau

Keystone

Die Wahl von Raphael Wicky sorgte vielerorts für Staunen. Ein auf höchstem Niveau völlig unerfahrener Mann als neuer Trainer beim Serienmeister, und das nach einem Umbruch auf Führungsebene, der seinesgleichen sucht? Viele hielten das für Harakiri – und sie sahen sich in den ersten Wochen der neuen Saison bestätigt.

Wicky und sein Team taumelten, schleppten sich von Niederlage (Lausanne) zu Niederlage (St. Gallen). Die Unruhe im Verein war gross. Dann erkämpften sich Trainer und Team dieses 1:0 gegen den FC Zürich – und plötzlich kam ins Rollen, was bis dahin vor allem kritisiert wurde.

Wicky macht sich einen Namen

Die Beförderung Wickys vom Nachwuchs- zum Chef-Trainer aber passt in die Entwicklungen im internationalen Fussball. Auch grosse Vereine wie Barcelona oder Real Madrid haben das in den letzten Jahren erfolgreich praktiziert. Natürlich immer mit Männern, die schon einen Namen hatten im Fussball. Wie Pep Guardiola oder Zinedine Zidane. Auch Wicky kannte man als Nationalspieler und Profi in Bundesliga und Primera Division, ehe er sich im Nachwuchs zum Trainer-Talent mauserte.

Gewichtiger aber dürfte ein anderes Argument gewesen sein: Der internationale Spitzenfussball – das zeigt der technische Rapport der vergangenen Champions-
League-Saison – entwickelt sich weg vom Ballbesitz-Fussball hin zu einem von schnellen Kontern geprägten Spiel. Fabio Capello, der zu den Mitverfassern des Rapports zählt, sagte es so: «Teams, die wie Barcelona einen Ballbesitz-orientierten Fussball spielen, haben immer öfter Schwierigkeiten.»

Über Jahre galt der von Pep Guardiolas Team geprägte Stil als Mass der Dinge. Doch der Fussball entwickelt sich: Die Gegner fanden je länger, je häufiger Möglichkeiten, die Tiki-Taka-Maschinerie ins Leere laufen zu lassen und mit schnellen Gegenstössen komplett auszuhebeln.

Die Zahlen belegen die Tendenz: Die durchschnittliche Zeit, die ein Team in der Champions League brauchte, um ein Tor zu erzielen, betrug letzte Saison 10,62 Sekunden. Das waren 7,7 Prozent weniger als noch zwei Jahre zuvor. Auch die Zahl der nötigen Pässe pro Tor fiel in diesem Zeitraum um 5,6 Prozent auf 3,72 Pässe im Durchschnitt.

Immer bedeutender wird zudem das hohe Pressing, also die Tatsache, dass man den Gegner möglichst schon in dessen Verteidigungszone angreift. 48,4 Prozent aller Tore haben ihren Ursprung in einem Ballgewinn im gegnerischen Verteidigungsdrittel. Die Zahl ist im Vergleich zum Vorjahr um mehr als fünf Prozent gestiegen.

Wicky und Fischer im 1:1

Der Abgang von Urs Fischer und die Verpflichtung Wickys sind auch in diesem Licht zu sehen. Logisch, dass Basel mit der neuen taktischen Ausrichtung national eher auf Beton rennt. In der Super League ziehen sich die Gegner in aller Regel – und mit YB als Ausnahme – meist tief in die eigene Hälfte zurück und versuchen selbst zu kontern.

Wie zuletzt am Samstag in Zürich gesehen. Da wird dem FCB der Ballbesitz fast schon aufgedrängt. So erklärt sich auch, dass der FCB national häufig mit einer 4er-Kette verteidigt, in der Champions League jedoch meist auf eine 3er-Kette setzte.

Darauf angesprochen, meint Wicky vielsagend: «Wir wollen uns taktisch alles offenhalten.» Es ist sein Verdienst, dass dies unterdessen funktioniert. Dafür hat er in der Vorbereitung und zu Beginn der Saison oft genug System und Personal gewechselt – und wohl auch den einen oder anderen Punkt eingebüsst.

Was man mit Sicherheit sagen kann: Wickys Stil macht sich in der Champions League bezahlt. Der FCB hat sich dank zwei sehr starken Leistungen gegen Benfica und gegen ZSKA Moskau in die beste Position gespielt, die er in der Königsklasse jemals innehatte (siehe Text unten). Der Respekt der Gegner ist gross. So sagte ZSKA-Talent Konstantin Kontschajew (19) gestern: «Basel hat ein ausgezeichnetes Konterspiel. Sie haben sehr schnelle Angreifer und werden jeden Fehler ausnützen, den wir machen.»

Natürlich ist das nicht nur Wickys Verdienst, sondern auch jener der neuen sportlichen Führung. Sportdirektor Marco Streller und seine Leute haben die Weichen mit gezielten Neuzugängen gestellt. Wicky aber ist der Mann, der die Puzzleteile zusammengefügt und die Spieler zu einem funktionierenden Team geformt hat.

Offensichtliche Differenz

Es brauchte Zeit, bis seine Ideen zu greifen begannen – und viel Geduld von der neuen Führung. Der Start war sehr holprig. Und die Differenz zwischen Fischer und Wicky nach 13 Runden ist offensichtlich: Letzte Saison hatte der FCB zu diesem Zeitpunkt 35 Punkte auf dem Konto – 13 Punkte mehr als jetzt.

Auffällig ist, dass der FCB diese Saison zwar praktisch gleich oft abschliesst, aber deutlich seltener trifft: Doumbia & Co erzielten bei 142 Abschlüssen 37 Tore, die jungen Wilden um Oberlin trafen bei 132 Abschlüssen aber bloss 20-mal.

Defensiv hat sich die Mannschaft dagegen nach Startschwierigkeiten gefangen. Zwar hat der FCB unter Wicky (12) zwei Tore mehr kassiert als unter Fischer, aber er liess deutlich weniger Abschlüsse zu (83:121). Zuletzt kassierte er in acht Pflichtspielen bloss noch zwei Treffer. Wie das ging? «Wir haben den Spielern einfach eingetrichtert, dass sie jeden Ball mit voller Beharrlichkeit bis zum Schluss verteidigen müssen», sagt Wicky. Aber alles könne er nicht erklären. Manchmal gerät auch er ins Staunen – wenigstens ob des wundersamen Wandels seines Teams.

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