Wenn Rennsport-Märchen wahr werden

Automobil. Erstmals seit 24 Rennen siegt nicht Ferrari oder McLaren. Und schon hat die Formel 1 einen neuen Favoriten: BMW-Sauber strebt nach dem Zweifachsieg am GP von Kanada in Montreal den WM-Titel an.

Ruth Müller
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Wenn Peter Sauber seiner nicht eben üppigen Haarpracht einen neuen Farbton verpassen lässt, muss etwas Besonderes geschehen sein. Mit seinem Coiffeur hatte er schon vor über einem Jahrzehnt vereinbart, beim ersten Sieg die Haare färben zu lassen. Für Sauber Ehrensache, dass er nun sein Wort hält. Sauber bleibt aber Realist. Der ehemalige Teamchef weiss: Der erste Sieg ist der schwerste. Sechzehneinhalb Saisons oder 257 Grands Prix musste das Sauber-Team seit dem Formel-1-Début am 14. März 1993 im südafrikanischen Kyalami darauf warten. Im Alleingang erzielte Sauber bis 2005 als beste Ergebnisse sechs dritte Plätze. Bei Partner BMW ging es rasanter – er brauchte bis zum ersten Sieg nur 42 Rennen in zweieinhalb Jahren.

Schnelles, zuverlässiges Auto

Dass Robert Kubica vor Teamkollege Nick Heidfeld siegte und zudem mit 42 Punkten die WM-Führung vor Lewis Hamilton und Felipe Massa (je 38) übernahm, macht den Erfolg von BMW-Sauber umso schöner. Des Polen Sieg ist das Happy-End eines wundersamen Formel-1-Märchens. Vor einem Jahr sprang er in Montreal bei seinem Unfall dem Tod von der Schippe – am Sonntag erstmals aufs oberste Treppchen.

Ein historischer Moment, den Kubica gefasst, aber mit sichtlicher Genugtuung genoss. «Alles, was zählt, ist der Sieg. Und den kann mir keiner mehr nehmen. Dieser erste Sieg ist auch für mein Land, meine Anhänger und mein Team phantastisch.» Spätestens jetzt gehört der Pole zu den ganz Grossen. Er ist fokussiert, talentiert, motiviert – und fährt fehlerfrei. Dass ihm mit dem F1.08 ein schnelles und zuverlässiges Auto zur Verfügung steht, mit dem er bestens zurechtkommt, schätzt der 23jährige aus Krakau nach seinem schwierigen vergangenen Jahr besonders.

«Diesjährige Mission erfüllt»

Kubicas Zieldurchfahrt war ein emotionaler Moment, auch für den Schweizer Motorsport. Erstmals seit Clay Regazzonis Erfolg mit Williams am 14. Juli 1979 in Silverstone wehten an der Boxenmauer Schweizer Flaggen. Heidfeld konnte sich allerdings über seinen zweiten Rang nicht richtig freuen. Allzu gern hätte er seinem Team den ersten Sieg beschert. Doch wie schon die erste Pole Position – Kubica fuhr sie in Bahrain heraus – verpasste der Deutsche auch diesen Meilenstein. Heidfeld, der bislang seine Teamkollegen stets im Griff hatte, ist dieses Jahr gegen Kubica chancenlos. Im internen Vergleich liegt er mit 0:7 zurück.

«Mit dem Zweifachsieg haben wir unsere diesjährige Mission erfüllt», sagt Teamchef Mario Theissen. Was nun folge, sei Bonus. An der Herangehensweise werde der Erfolg aber nichts ändern. «Wir werden nach Magny-Cours gehen und versuchen, alles zu wiederholen.» Siegen aus eigener Kraft sei aber nach wie vor schwierig, auch wenn man in der Teamwertung nur zwei Punkte hinter Ferrari liege. Kubica ist nach seinem Triumph endgültig Polens neuer Nationalheld. «Ich hoffe, dass mich das Team hundertprozentig unterstützen wird, damit wir die Führung bis zum Ende behalten können», sagt Kubica.

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