Kolumne

Wenn Fussballer neben den Engeln in den Spitälern verblassen

Welches Schicksal verbindet den FC St.Gallen, Lausanne-Sport, Yverdon-Sport oder auch den FC Tuggen, falls die Fussballmeisterschaft abgebrochen und nicht gewertet wird? Alle diese Teams verpassen die grosse Chance auf den Meistertitel oder einen Aufstieg. Eigentlich wäre der Ärger darüber gross, wenn wir normale Zeiten hätten.

René Bühler
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Unser Kolumnist René Bühler.

Unser Kolumnist René Bühler.

Benjamin Manser

Sportlich gesehen ist es verständlich, dass der FC Thun mit einem Saisonabbruch besser leben könnte als der FC St.Gallen. Es wird auf jeden Fall Gewinner und Verlierer geben. Der FC Sion und sein unbarmherziger Präsident Christian Constantin werden darauf hoffen, dass die Meisterschaft abgebrochen wird.

Ob seine fristlos gekündigten Spieler in der Not dann doch zur Verfügung stünden und im Abstiegskampf gegen Thun und Xamax nochmals alles geben würden, ist mehr als fraglich. Allerdings würde es Sion gut anstehen, etwas Challenge-League-Luft zu schnuppern. Nur wer auch einmal unten war, schätzt es wieder, oben zu sein.

Zu hoffen ist, dass die Krankenpflegerin Ronaldo bezüglich Gehalt näher kommt

Die Verlierer des noch ausstehenden Entscheides betreffend der Weiterführung der Meisterschaft müssen sich in diesem Jahr damit trösten, dass der Fussball eben doch nur die schönste Nebensache der Welt ist. Als Fan sehnt man sich aber gerade jetzt nach Fussball und den wöchentlichen Gesprächen über den Videoschiedsrichter und die grossartige Saison des FC St.Gallen.

Die Stars auf dem Fussballplatz verblassen derzeit neben den Engeln im Gesundheitswesen, welche Leistungen auf Champions-League-Niveau erbringen müssen. Es ist eine Wohltat, auch medial einmal zu sehen, wie die Krankenpflegerin Vreni Müller der neuen Frisur von Cristiano Ronaldo gerade den Rang abläuft. Die Hoffnung lebt, dass Vreni Müller bezüglich Wertschätzung und Gehalt Ronaldo in Zukunft endlich näher kommt.

Für einige wäre ein Abbruch besser

Im Falle einer Annullierung der Meisterschaft würde auch der FC United Zürich zu den vermeintlichen Gewinnern zählen. Vor zwei Saisons noch in der Promotion League spielend, liegt das Team nun abgeschlagen am Tabellenende der 2. Liga interregional und müsste den dritten Abstieg in Folge hinnehmen. Man erinnert sich dabei an den FC Young Fellows Zürich, der eine Vereinsauflösung im Jahr 1992 nur durch eine Fusion mit dem FC Juventus Zürich zum heutigen YF Juventus abwenden konnte.

Vereine wie Bellinzona, Locarno oder Wohlen haben ähnliches erlebt oder sie konnten respektive wollten nicht mehr in höheren Ligen spielen. Der FC Le Mont, vor drei Jahren noch in der Challenge League, spielt nun in der 3. Liga gegen den Abstieg. Es ist auf jeden Fall angenehmer, aufgrund einer möglicherweise abgebrochenen Saison nicht Meister zu werden oder nicht aufzusteigen, als aus finanziellen Gründen den Spielbetrieb nicht mehr aufrecht zu erhalten.

Würde die Meisterschaft tatsächlich abgebrochen, sollte kein Team zum Schweizer Meister gekürt werden. Meister der Herzen ist in dieser Saison sowieso der FC St.Gallen. Davon kann man sich zwar nichts kaufen, aber es ist trotzdem schön und war vor zwei Jahren noch nicht vorstellbar. Es sollte ebenso keine Auf- und Absteiger geben und die Vorrunde müsste für die Teilnahme am Europacup zählen.

Werden in diesem überhitzten Geschäft die Weichen neu gestellt?

In Zeiten wie diesen verkommen Siege und Niederlagen zu Nebensächlichkeiten. Viel schöner wäre es, wenn wir uns bald wieder auf dem Fussballplatz treffen und vielleicht zur Vernunft in allen Belangen des bezahlten Fussballs zurückkehren könnten. Gibt es gerade jetzt die Chance, in diesem lange völlig überhitzten Geschäft die Weichen neu zu stellen, damit es wieder vermehrt um Fussball geht und nicht nur um immer höhere Saläre und Feindbilder? In diesen Zeiten lässt sich wenigstens davon träumen.

Unser Kolumnist
Unter der Rubrik «Querdenker» wirft René Bühler in unregelmässigen Abständen einen Blick auf das Sportgeschehen. Bühler ist Ehrenpräsident des FC Fortuna St.Gallen, Gründer des Hallenturniers Regiomasters und Herausgeber des Buches «Fussballjahre». (red)