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Wenn der Riese seine Wucht entfaltet

Christian Stucki gilt als Topfavorit auf den Titel am morgigen Unspunnen-Schwinget. Alles andere als ein Berner Sieg käme einer Überraschung gleich. Doch das war schon 2011 so, als ein Ostschweizer triumphierte.
Klaus Zaugg
Christian Stucki: Der fast zwei Meter grosse Berner bringt 142 kg ins Sägemehl. (Bild: Thomas Delley/Keystone)

Christian Stucki: Der fast zwei Meter grosse Berner bringt 142 kg ins Sägemehl. (Bild: Thomas Delley/Keystone)

Klaus Zaugg

Der alles dominierende, einschüchternde und scheinbar unbesiegbare «Böse» mit der Kragenweite eines Karl Meli, Ruedi Hunsperger, Ernst Schläpfer oder Jörg Abderhalden, die jeweils eine ganze Epoche dominierten, gibt es nicht mehr. Prognosen vor einem Fest mit eidgenössischem Charakter sind schwieriger geworden. Aber bei aller Ungewissheit ist doch eine Struktur ersichtlich: Die Berner haben mit den Königen Kilian Wenger und Matthias Sempach sowie Christian Stucki, dem «König der Herzen», als einziger Teilverband gleich drei Siegesanwärter. Und noch wichtiger: Dieses «Trio Grande» bekommt Flankenschutz durch ein breites Feld von Mittelschwingern, die, wenn es die Situation erfordert, auf ihre eigene Chance verzichten und fast jeden ausserkantonalen Gegner durch einen «Gestellten» zurückbinden können. Beispielsweise Bernhard Kämpf, Matthias Aeschbacher, Simon Anderegg oder Remo Käser. Siegesanwärter und aussichtsreiche Aussenseiter haben auch die Ostschweizer oder die Innerschweizer. Aber kein Teilverband hat die Breite der Berner.

Diese Zuversicht kann allerdings auch ein Irrtum sein. Vor sechs Jahren, beim letzten Unspunnenfest von 2011, ging das bernische «Königreich der Bösen» unter. Als draussen in der Arena der spätere Sieger Daniel Bösch aus Sirnach und der Innerschweizer Christian Schuler zum Schlussgang in die Hosen stiegen, weilte Kilian Wenger bereits bei der Dopingkontrolle. Christian Stucki und Matthias Sempach kamen frisch geduscht, gebürstet und gekämmt aus der Garderobe. Die Ränge drei (Sempach), vier (Wenger) und acht (Stucki) täuschten noch über das Ausmass des Debakels hinweg: Die Berner hatten schon nach drei von sechs Gängen, bei «Halbzeit», nichts mehr mit der Entscheidung zu tun.

2011 fühlte sich Stucki super – bis der «Pfuus» ausging

Was hatte die Berner damals bloss zu Fall gebracht? Sie waren doch die grossen ­Favoriten (wie jetzt), und es schien, als könnte nichts passieren (wie jetzt). Mochte kommen, was wolle – einer würde schon durchkommen (wie jetzt). So dachten die Berner. So dachte eigentlich die ganze Schwinger-Schweiz. So denken die Berner und die ganze Schwinger-Schweiz auch in diesen Tagen wieder. Schwingerlegende Niklaus Gasser ortete damals als Ursache eine zu hohe Nervenbelastung durch hohe Erwartungen, Medien- und Starrummel. Und Kilian Wenger, der damals regierender König war, sagte: «Ja, da ist was dran.» Christian Stucki wunderte sich hingegen, ­warum ihm Unspunnen 2011 kein Glück gebracht hatte. «Ich habe sehr gut geschlafen, ich kam am Morgen als erster Berner in die Garderobe und fühlte mich super. Aber dann hatte ich einfach keinen ‹Pfuus› mehr. Ich weiss nicht ­warum. Es war einfach nicht mein Tag.»

Nun sind sechs Jahre ins Land gezogen. Die Titanen der Berner haben sich längst an diesen Rummel gewöhnt. Sie lassen sich nicht mehr irritieren. Obwohl König Matthias Glarner nach einem ­Unfall bei einem Medientermin auf ­Unspunnen verzichten muss.

Flinker, technisch besser und mental robuster

Eigentlich ist ja Unspunnen genau ein Fest für einen «Bösen» wie Christian Stucki (198 cm/142 kg). Denn ein eidgenössisches «Eintagesfest» mit sechs Kämpfen hat eine andere, eine höhere Dynamik und Intensität als das Eid­genössische mit acht Gängen in zwei ­Tagen. Und: In den letzten 50 Jahren gab es nur zwei Könige in der Siegerliste: ­Rudolf Hunsperger (1968) und Jörg Abderhalden (1999). Thomas Sutter (1993) wurde erst nach seinem Unspunnen-Sieg König. Unspunnen haben vor allem «Eintages-Könige» gewonnen. «Böse», die zu den besten aller Zeiten ohne ­Königstitel gehören, wie Martin Grab (2006), Niklaus Gasser (1987), Leo Betschart (1981), Ernest Schläfli (1976) oder eben Titelverteidiger Daniel Bösch.

Christian Stucki, der flinke Riese, ist «zwäg». Mental robust wie nie, viel ­robuster als 2011. Flink wie nie, viel flinker als 2011. Technisch gut wie nie, viel besser als 2011. Wenn der Sonntag «sein» Tag ist, dann bringt er eine unbesiegbare Kombination aus Gewicht, Kraft, Wucht, Standfestigkeit, Explosivität, Technik und Beweglichkeit ins Sägemehl. Er hat schon das Kilchberg-Fest 2008 gewonnen, den anderen eidgenössischen «Eintages-Showdown». Und: Er führt die «Weltrangliste» (die von der Fachzeitschrift «Schlussgang» erstellte Jahreswertung) an.

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