Wenn der Körper des fittesten Fussballers nicht mehr kann – Dennis Hediger und die späte Anerkennung

Jahrelang war Dennis Hediger das Gesicht des FC Thun. Aber der Körper des kraftvollen Fussballers kann nicht mehr.

Raphael Gutzwiller
Drucken
Teilen
Trainierter Körper, der nicht mehr kann: Dennis Hediger.

Trainierter Körper, der nicht mehr kann: Dennis Hediger.

Keystone

Eine gewisse Ironie ist bei der Meldung dabei: Der fitteste Fussballer der Schweiz ist nicht mehr fit genug, um Fussball zu spielen. Dennis Hediger tritt mit 33 Jahren zurück, fünf Jahre früher als er es geplant hat. So ruhig er abtritt, so laut war er auf dem Platz. Als Anführer hat er seinen Verein geprägt wie kein anderer Spieler des letzten Jahrzehnts.

Präsident Markus Lüthi sagte einmal, mit ihm, Sportchef Andres Gerber und Trainer Marc Schneider würde Hediger eine Achse bilden, die den FC Thun trägt. Als Heidigers Kreuzband im Februar 2019 reisst, reisst diese Achse, Thun kommt in Schieflage. Nach einer starken Vorrunde brechen die Oberländer ein, gewinnen nach Hedigers Verletzung von 16 Ligapartien nur noch deren 3. In dieser Saison belegt der FC Thun seit dem 9. Spieltag stets die letzte Tabellenposition und ist stark abstiegsgefährdet.

Erst als Dennis Hediger nicht mehr spielt, bemerkt die Fussball-Schweiz, dass das Erfolgsrezept des FC Thun im letzten Jahrzehnt auch eng mit dem Namen Hediger in Verbindung steht. Es liegt in der Natur der Sache, dass ein Fussballer, dessen grösste Stärke es ist, seine Mitspieler besser zu machen, erst dann vermisst wird, wenn er nicht mehr spielen kann.

«Einigen wurde meine Wichtigkeit für das Team wohl erst im Nachhinein bewusst. Es ist ein bisschen so, wie bei einem Künstler, der erst nach dem Tod geschätzt wird.»

Hediger hat sich Zeit genommen für ein längeres Gespräch in einem Café in seiner Heimat Ostermundigen. Er bestellt einen Kaffee und erzählt von seiner Karriere. Einer Karriere, die im YB-Nachwuchs startet, später nach Biel und dann nach Thun führt. 284 Partien bestreitet er für die Oberländer, die meisten davon als Captain. Hedigers Laune ist gut am Tag nach seinem Rücktritt. Die Entscheidung ist gefallen, Zeit zum Verdauen braucht der 33-Jährige nicht.

Ähnlich wenig klagt er, als er verletzungsbedingt den Cupfinal 2019 verpasst. Es wäre das Highlight in der titellosen Karriere gewesen. Nun steht Neues an. Hediger übernimmt als Cheftrainer der U15 des FC Thun ein 50-Prozent-Pensum, im August macht er das Trainerdiplom B+, nächstes Jahr beginnt er das A-Diplom. Zudem wird er TV-Experte bei Teleclub. Der Weg ist vorgezeichnet, das Ziel klar: «Ich will Profi-Cheftrainer werden.»

Vielleicht wechselt er als Trainer aus dem Kanton Bern, als Spieler machte er diesen Schritt nie. Dabei ist Hediger überzeugt, dass er als Spieler auch einem grösseren Verein hätte weiterhelfen können. Angebote von Ligakonkurrenten gibt es dann und wann. Meist fehlt es aber an der Überzeugung der Verantwortlichen. «Es ist einfacher, dem Verwaltungsrat klar zu machen, dass ein unbekannter Spieler aus dem Ausland das Team weiterbringen kann, als dass dies Hediger von Thun schaffen kann.» Bei Hediger schnalzt das Publikum nicht mit der Zunge. Verglichen mit seinen flinkeren Mitspielern wirkt sein muskulöser Körper ein wenig ungelenk. Wenn er den Ball führt, streichelt er ihn nicht. Wenn er den Ball annimmt, verspringt ihm auch mal einer. Meistens aber, macht er die einfachen Dinge richtig. Er läuft gut, seine Pässe kommen an, er gewinnt seine Duelle. Und er dirigiert das Team. Neben ihm wachsen seine Mitspieler. Zuffi, Sanogo, Lauper, Steffen, Fassnacht. Nach der Bekanntgabe des Rücktritts bedanken sich viele. YB-Spieler Sandro Lauper schreibt, ohne Hediger wäre er nicht so weit gekommen.

Dennis Hediger war lange nah an der Mannschaft.

Dennis Hediger war lange nah an der Mannschaft.

Bild: Keystone

Passübungen alleine mit 28 Jahren

Ein wichtigen fussballerischen Schritt macht Hediger erst im Alter von 28 Jahren. Lange ist er ein durchschnittlicher Super-League-Fussballer, stagniert aber. Harter Arbeit ist es zu verdanken, dass er sich auf ein anderes Niveau bringt. Er schnappt sich einige Bälle und trainiert an freien Nachmittag alleine. Basics. Einfacher Pass an die Wand, kontrollierte Ballannahme, einfacher Pass an die Wand. Weite Bälle präzise an den gewünschten Ort. Immer und immer wieder. So oft, bis er die einfachen Dinge besser beherrscht als zuvor. In der Folge macht er bei Passübungen eine bessere Gattung als Mitspieler, denen grösseres fussballerisches Talent nachgesagt wird. Hediger wird so gut, dass er für sein Team unersetzbar wird.

Im Nachhinein können sich die Thuner vorwerfen lassen, dass man für einen Ausfall des Leaders keinen Ersatz bereitstehen hatte. Als Hediger die Mannschaft nicht mehr zusammenhalten konnte, fiel sie wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Erst in der Winterpause, als sich abzeichnete, dass die Rückkehr Hedigers scheitern könnte, reagierten die Thuner mit der Verpflichtung von Leonardo Bertone.

Es reichte noch zu einer Halbzeit

Grosser Schmerz: Dennis Hediger nach der Verletzung, die seine Karriere beenden sollte.

Grosser Schmerz: Dennis Hediger nach der Verletzung, die seine Karriere beenden sollte.

Bild: Keystone

Es war ein Zweikampf, wie sie es so viele gab im Spiel von Dennis Hediger, der das Ende der Profikarriere besiegeln sollte. Thun gegen YB, Derby im Februar 2019. Zu diesem Zeitpunkt ist es das Spitzenspiel des Leaders gegen den Dritten der Liga. Gegenspieler Djibril Sow fällt im Zweikampf unglücklich auf Hedigers Knie. Noch auf dem Weg in den Spital sieht sich Hediger die Szene an. Er kommt zum Schluss, dass er sich wieder gleich verhalten würde. «Danach war für mich die Sache erledigt.» Nach der Verletzung sagt er, er wolle bis 38 weiterspielen. Dass ausgerechnet er nicht mehr zurückkommt, glaubt niemand. Die Reha bringt rasche Erfolge, es fehlen bald nur noch die letzten Prozente. Im November trainiert er erstmals mit dem Team, steht für Thuns U21-Team eine Halbzeit auf dem Feld. Zur Pause muss er raus, die Schmerzen sind zu gross. Zwar sind Kreuz- und Innenband längst verheilt, ein Knorpelschaden sorgt aber dafür, dass ihm selbst jetzt das Treppensteigen Mühe bereitet. «Dann ist an Fussballspielen gar nicht erst zu denken», realisiert Hediger. Eine Operation wäre möglich, verspricht aber keine Erfolge.

Wie Urs Fischer das Krafttraining verbieten wollte

Dennis Hedigers Körper wirkt wie dem eines Fitness-Models.

Dennis Hedigers Körper wirkt wie dem eines Fitness-Models.

Ho / SPO

Bei Hediger denkt man an Muskeln. An einen Körper, der besser zu Hanteln als zum runden Leder zu passen scheint. Kein anderer Schweizer Profifussballer hat einen vergleichbaren Körper. Dann und wann präsentiert er diesen in Zeitungen und Magazinen. Dann muss er den Mitspielern jeweils ein Apéro ausgeben.

Hediger gibt zu, dass sein Körper für einen Fussballer eigentlich zu muskulös ist. «Für viele Spielweisen wäre dies bestimmt ein Nachteil», sagt er. Als Urs Fischer 2013 beim FC Thun als Cheftrainer übernimmt, verbietet er dem Mittelfeldspieler zusätzliches Krafttraining. Hediger entgegnet: «Ich bin fit.» Und beweist es in Yoyo- und Lauftests. «Ich wusste, dass ich mit meinen vielen Trainings nie sagen kann, ich sei müde. Darum habe ich immer viel Wert auf Ernährung und auf den Schlaf gelegt», sagt Hediger. Im Spiel versteht er es, seine Muskeln einzusetzen. Hediger ist 1,75m gross, seine Gegenspieler überragen ihn häufig um einen Kopf. «Darum ist es gut, wenn ich mit einer ähnlichen Masse dagegenhalten kann.»

Onlinecoaching als Absicherung für das Trainer-Business

Hediger ist, anders als das Image des Fussballers, ein Mensch, der sich Gedanken zum Leben macht. Er analysiert viel und plant über die Fussballerkarriere hinaus. Schon während seiner Spielerkarriere gründet er mit seiner Frau Yinny die Firma «Team Hediger», die Onlinecoachings in Sachen Ernährung und Training anbietet. Yinny hat den Lead, Hediger konzentriert sich auf die Trainerkarriere. Die Firma soll eine finanzielle Absicherung im harten Trainermarkt sein für die Familie. «Es ist es gut, wenn man nicht nur auf einen Trainerjob angewiesen ist», sagt Hediger.

Hediger verspricht, dass er nie Athletiktrainer werde. Stattdessen bereitet der zweifache Familienvater sich auf die Karriere als Cheftrainer vor. In Notizbüchern sammelt er Anekdoten aus seiner Karriere oder aus gelesenen Büchern. Er schreibt auf, wie er sich dereinst als Trainer verhalten möchte. «Ich wäre später gerne ein Trainer, der auch mal auf ein junges Talent setzt. Da muss ich wissen, wie ich mit so einem Spieler umgehen soll.» Die U15 sei darum der ideale Einstieg.

Zum Ende des fast zweistündigen Gesprächs ist Hedigers Kaffee längst leer getrunken, das beigelegte Guetzli vermacht er seinem Gesprächspartner.

Mehr zum Thema