Analyse

Weltklasse Zürich Inspiration Games: Ein wenig Klamauk für Sofasportler – und ein gelungener Gruss aus der Zukunft

Statt Spektakel im Stadion bei Weltklasse Zürich bieten die Inspiration Games Unterhaltung für den TV-Zuschauer. Sie werfen ein Schlaglicht auf die Zukunft des Sports, in dem Leistungen alleine nicht mehr reichen.

Simon Häring
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Lea Sprunger läuft an den 1000 Pappfiguren vorbei, die neben den 300 Zuschauern Zugang zum Letzigrund erhalten haben.

Lea Sprunger läuft an den 1000 Pappfiguren vorbei, die neben den 300 Zuschauern Zugang zum Letzigrund erhalten haben.

Keystone

Die Masse jubelt, sie raunt, sie staunt. Das Klatschen der Hände synchron, der Rhythmus schnell, das Rauschen - es ist immer da. Im Stadion, wo das Herz des Sports schlägt. Nicht in diesem Jahr, im Jahr der Pandemie. Und sowieso: Vielleicht ist es auch eine allzu romantische Sicht der Dinge. Der Sport ist längst ein Milliardenbusiness, und das grosse Geld wird nicht im Stadion gemacht, sondern mit den TV-Rechten. Das Konsumverhalten der jungen Generation hat sich verändert. Streaming-Plattformen wie Netflix, Amazon, Sky oder Youtube machen den Konsumenten zu seinem eigenen Programmdirektor. Jeder bestimmt selber, wann er was konsumiert. Der Sport ist im digitalen Zeitalter der letzte verlässliche Wert des linearen Fernsehens. Ihn will man noch heute live und nicht zeitversetzt sehen.

Seit zumindest der Fussball wieder rollt, erlebt der Sofasportler in der Schweiz eine Art Rückkehr zur Normalität. Für ihn, und nur für ihn allein, wurden die Weltklasse Zürich Inspiration Games kreiert. Statt in einem Stadion wird in 7 Stadien zeitgleich gelaufen und gesprungen, die einen dank Zeitverschiebung am Mittag in Florida bei Rückenwind, die anderen am Abend in Zürich bei Gegenwind. Unbestritten liefern Lea Sprunger und Konsorten Höchstleistungen, doch der sportliche Wert ist bescheiden. Der Sport bezieht seine Faszination aus dem Duell. Mann gegen Mann. Frau gegen Frau, und zwar Seite an Seite, im Stadion, wo es nach Sommer und Schweiss riecht. Das Konfrontative fehlt, ausser im 100-Yard-Rennen, wo die Starter in Florida tatsächlich auf der gleichen Bahn laufen.

Mujinga Kambundji sagt nach ihrem 150-Meter-Lauf, ihr hätten die Gegnerinnen links und rechts auf der Bahn gefehlt.

Mujinga Kambundji sagt nach ihrem 150-Meter-Lauf, ihr hätten die Gegnerinnen links und rechts auf der Bahn gefehlt.

Keystone

Entertainment vom Feinsten

Als der Startschuss zum Rennen über 150 Meter mit Mujinga Kambundji fällt, ist das Rennen bereits seit zwei Minuten beendet. So lange geht es, bis die Bilder synchronisiert sind. Niemand jubelt, weil niemand weiss, wer gewonnen hat. Dabei will ich doch mitleiden, ein Teil des Geschehens sein. «Ich hätte gerne jemanden neben mir gehabt», sagt Kambundji. Es fehlt das Kribbeln, das Flimmern, das Knistern, wenn die Weltbesten in die Startblöcke gehen. Wie die Sprinter sich vor dem Start aufplustern, wie sie vor den Kameras ein Pfauenrad schlagen. Aber eben: Das ist das Jahr 2020, und die Inspiration Games ein Produkt für den Sofasportler. Und der kommt auf seine Kosten. Vor den Disziplinen wird jeweils ein Athlet privat vorgestellt. Allyson Felix redet über ihre Schwangerschaft und die Rolle als Mutter. Katerina Stefanidi fährt einen Bagger. Sam Kendricks spricht über seine Liebe zu Pferden. Das alles ist Entertainment vom Feinsten.

Die Inspiration Games werfen damit auch ein Schlaglicht auf die Zukunft des Sports. Höchstleistungen alleine reichen nicht. Es braucht Figuren mit Geschichten, die polarisieren, die bereit sind, sich nicht nur an Siegen und Zeiten messen zu lassen, sondern sich auch von ihrer menschlichen Seite zeigen. Und das gelingt bei den Inspiration Games - im Gegensatz zu den Impossible Games in Oslo - vorzüglich. Vor allem bei den technischen Disziplinen, wo die Teilnehmer die Leistungen ihrer Gegnerinnen und Gegner auf dem Laptop mitverfolgen - und kommentieren. Ein Element, das es sonst in dieser Form fast nirgends gibt. Die Inspiration Games sorgen für Glücksgefühle, weil sie den TV-Zuschauer ins Zentrum stellen. Aber auch, weil sie zeigen, wie unverzichtbar das Drumherum ist.

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