WELTFUSSBALL: Die Fifa bleibt unter Druck

Cornel Borbély und Hans-Joachim Eckert stehen heute dem Europarat Red und Antwort. Das birgt Zündstoff. Denn seit der Abwahl der beiden Chefs der Ethikkommissionen sei der Fifa-Reformprozess zum Stillstand gekommen, sagen Kritiker.

Jürg Ackermann
Drucken
Teilen
Fifa-Präsident Gianni Infantino wird fehlender Reformwille vorgeworfen. (Bild: Ivan Sekretarev/AP)

Fifa-Präsident Gianni Infantino wird fehlender Reformwille vorgeworfen. (Bild: Ivan Sekretarev/AP)

Jürg Ackermann

Wenn sich heute in Paris der Sportausschuss des Europarates trifft, dann ist eine geballte Ladung Insiderwissen versammelt. Mit Miguel Maduro, Cornel Borbély und Hans-Joachim Eckert geben gleich drei ehemalige hochrangige Fifa-Ethikwächter den Politikern Auskunft, die der Frage nachgehen, ob die Fifa Regeln der guten Unternehmensführung einhält. Was Maduro, Eckert und Borbély sagen, dürfte brisant sein. Denn sie hatten viele Einblicke in das Innenleben des Weltfussballverbandes, im Mai ereilte sie jedoch alle dasselbe Schicksal. Obwohl sie für ihre Arbeit viel Lob erhielten, wurden sie vom Fifa-Kongress fallen­gelassen. Die Vermutung: Weil sie zu vielen Funktionären auf die Füsse traten und auch Präsident Gianni Infantino hätten gefährlich werden können, fädelte dieser ihre Nichtwiederwahl ein.

Was macht die Chefin der Ethikkommission?

Für Aufsehen sorgte Maduro bereits vor einer Woche, als er vor einem Ausschuss des britischen Unterhauses Infantino in Bedrängnis brachte. Der Fifa-Präsident soll versucht haben, Maduro davon abzuhalten, den umstrittenen russischen Vize-Premier Witali Mutko aus dem Fifa-Rat zu verbannen. Maduro hatte Zweifel an dessen Unabhängigkeit. Einzelne Beobachter taxieren Infantinos Vorgehen als «klaren Verstoss» gegen den Ethikcodex, da er die Eigenständigkeit der für Governance-Fragen zuständigen Kommission missachtet habe.

Liegen tatsächlich Beweise für Infantinos Vorgehen vor, hätte der Fifa-Präsident wohl ernste Konsequenzen zu fürchten. Der Konjunktiv ist hier jedoch an­gebracht. Denn es gibt bei Fifa-Beobachtern grosse Zweifel, ob Maria Rojas, die Nachfolgerin Borbélys an der Spitze der Ethikkommission, Verstösse mit ähnlicher Hartnäckigkeit verfolgt. Bisher sind kaum Verfahren bekannt, welche die Kolumbianerin zum Abschluss gebracht hätte, obwohl sie von Borbély Dutzende Fälle übernahm. Zudem rechnen Zweifler allein schon wegen Rojas’ schlechten Englischkennt­nissen mit deutlich längeren Bearbeitungszeiten.

Die Fifa selber stellt dies in Abrede. «Dass man nicht wöchentlich über Fälle kommuniziert, heisst nicht, dass Frau Rojas und ihr Team nicht arbeiten», sagt ein Fifa-Sprecher. Die Arbeiten in den neu besetzten Kommissionen würden genauso reibungslos ablaufen wie zuvor. Die Fifa verweist zudem auf zwei Entscheide, welche die Ethikkommissionen in den letzten fünf Monaten fällten. Im Juli beantragte Rojas, kaum überraschend, eine lebenslange Sperre gegen Rafael Esquivel Melo und gegen Julio Rocha. Die Präsidenten der Verbände von Venezuela und Nicaragua hatten sich schon vor der US-Justiz der Verabredung zum organisierten Verbrechen und der Geldwäsche für schuldig erklärt. Gesperrt wurde wegen Korruption diese Woche auch Gordon Derrick, der Generalsekretär des Verbandes von Antigua und Barbuda. Zudem wehrt sich die Fifa auch gegen die Vorwürfe von Miguel Maduro: Dass sich die Fifa-Administration mit den Kommissionen austausche, sei normal. Zudem könne man den Erfolg des Reformprozesses nicht an persönlichen Meinungen messen, sondern «an den Entscheiden, die künftig gefällt werden».

Diese Aussagen der Fifa dürften die Politiker des Europarats jedoch kaum beruhigen. Schon im März – längst vor der fragwürdigen Nichtwiederwahl von Borbély, Eckert und Maduro – äusserte sich Kommissionspräsidentin Anne Brasseur besorgt. Sie sehe unter der neuen Fifa-Führung keinen Reformwillen. Die Kommission prüft darum verschiedene Hebel, um den Weltfussballverband zurück auf den Reformpfad zu bringen.

Sponsoringverträge mit Korruptionsklauseln

«Es kann nicht sein, dass wir auf halbem Weg stehen bleiben. Es wäre dringend nötig, dass auch der Fifa-Präsident selber dem Europarat demnächst Red und Antwort steht», sagt SVP-Nationalrat Roland Büchel. Dem Europaratsmitglied schwebt vor, dass Sponsoren und Fernsehstationen «ihre Verantwortung wahrnehmen» und in ihren Verträgen mit der Fifa Korruptionsklauseln einfügen – analog zu Dopingvergehen, wo Sponsoren Zahlungen zuweilen einstellen, wenn Sportler gegen den Kodex verstossen. «Wenn man sich mit jemanden verbindet, der einen so schlechten Ruf hat wie die Fifa, dann kann es für Sponsoren problematisch sein», sagt Büchel. Es lasse sich kaum rechtfertigen, dass man einer Organisation Millionen zahle, die von der US-Justiz als «mafiaähnlich» eingestuft worden sei und die nur halbherzig gegen dieses Image kämpfe.

Als Experte an die Sitzung nach Paris reisen wird auch Hans-Willy Brockes. Der St. Galler Marketingunternehmer hält solche Antikorruptionsklauseln für einen gangbaren Weg. Wunder dürfe man davon aber keine erwarten. Als Beispiel führt er den Uhrenhersteller Festina an. Obwohl das gleichnamige Radsportteam 1998 im Zentrum einer Dopingaffäre stand, schnellten die Uhrenverkäufe in der Folge in die Höhe – allein wegen des massiv gestiegenen Bekanntheits­grades. Das negative Image einer Organisation färbe nicht zwingend auf die Sponsoren ab, sagt Brockes. «Wenn der Ball rollt, ist vieles wieder vergessen. Das werden wir nächsten Sommer auch an der WM in Russland sehen. Und das wissen auch die Fifa-Funktionäre.»