WELTCUP: Die Leichtigkeit wiederfinden

Der Skifahrer Ralph Weber reiste im Frühling als Rucksacktourist durch Burma. Der Gossauer verarbeitete so die vergangene Saison. Nun startet er mit freiem Kopf in den Winter.

Raya Badraun
Drucken
Teilen
Die vergangene Saison lief für Ralph Weber nicht nach Wunsch. (Bild: Johann Groder/Freshfocus (16. Dezember 2016, St. Christina))

Die vergangene Saison lief für Ralph Weber nicht nach Wunsch. (Bild: Johann Groder/Freshfocus (16. Dezember 2016, St. Christina))

Raya Badraun

Gleitet Ralph Weber die ersten Meter über die Piste, ist da plötzlich diese Leere im Kopf. Der Skirennfahrer weiss, was kommt, vertraut seiner Intuition. Und der Körper macht ganz automatisch, was er muss. «Wenn man dieses Gefühl einmal erlebt hat, dann will man es immer wieder erleben», sagt Weber an diesem Morgen in einem Café in Gossau. Zu dem Zeitpunkt sind der Schnee und die ersten Weltcup-Rennen noch weit weg. Und das letzte Mal, als er auf der Piste diese magische Leere verspürte, sowieso. Denn die vergangene Saison verlief nicht nach dem Geschmack von Weber.

Nach den guten Resultaten im Winter davor steckte er sich hohe Ziele. Die WM in St. Moritz war der erklärte Höhepunkt. Doch dafür passte in den Weltcup-Rennen zu wenig zusammen. Weber machte sich während der Fahrt über die Piste zu viele Gedanken – und zu viel Druck. Oft kam nach kleinen Fehlern auch noch Pech dazu. So stellte sich die Leichtigkeit nie ein. «Man kann sich das richtige Gefühl auf den Ski nicht erkämpfen», sagt Weber. «Es muss einfach alles zusammenpassen.» Am Ende resultierte ein 21. Rang im Super G und ein 28. Platz in der Abfahrt als bestes Resultat des Winters. Weshalb schliesslich andere an die Heim-WM reisten, während der Ostschweizer im Europacup startete.

Weniger im Rampenlicht

Zwei Tage nach dem letzten Rennen flog Weber mit seiner Freundin nach Burma in Südostasien. Als Rucksacktourist reiste er drei Wochen lang von Ort zu Ort. Weber hatte also viel Zeit, um nachzudenken. «Während der Saison ist es schwierig, so viele neue und teilweise negative Erlebnisse zu verarbeiten», sagt er. «Dafür braucht es Abstand.» Oft war er nach einem Rennen frustriert und enttäuscht, wenn er es nicht in die Top 20 geschafft hatte. Aus der Ferne betrachtet, konnte er seine Resultate ins rechte Licht rücken – und auch Positives erkennen. «Man darf nicht vergessen, dass ich immer noch zu den jüngeren Fahrern gehöre», sagt Weber, der im vergangenen Mai 24 Jahre alt geworden ist. Er führte sich auch vor Augen, was für ein privilegiertes Leben er als ­Skirennfahrer führen darf, was er schon alles erreicht hat. Als Bub träumte er immer davon, bei der Liveübertragung auf dem Fernsehbildschirm zu erscheinen. «Diesen Traum lebe ich nun», sagt der Junioren-Weltmeister von 2012 im Super G.

Doch nicht nur die Rund­reise in Asien hat seinen Blick nachhaltig verändert. Seit diesem Sommer trainiert Weber in einem kleinen Team – fern der Schweizer Skistars Patrick Küng und Beat Feuz. Und konnte sich so in aller Ruhe auf die Saison vorbereiten. Vor einem Jahr war das noch anders. Damals war er in der Vorbereitung oft mit der WM in St. Moritz konfrontiert worden. Der Grossanlass war omnipräsent. «Nun stehe ich weniger im Rampenlicht, und der Druck ist kleiner», sagt Weber. Entsprechend sind auch die Olympischen Spiele im süd­koreanischen Pyeongchang zurzeit noch kein Thema für ihn – obwohl sie bereits im kom­menden Februar stattfinden. Ehrgeizig ist er zwar geblieben, den Grossanlass nennt Weber aber nicht als primäres Ziel. «Wenn ich mich nur darauf fokussieren würde, dann käme es nicht gut», sagt er. «Wenn ich jedoch gut fahre, dann stehe ich automatisch am Start.»

Am besten, wenn niemand mit ihm rechnet

So beginnt Weber an diesem ­Wochenende in Lake Louise mit einem anderen Gefühl die Saison. Leichter, unbeschwerter, ohne Druck. Diese Ausgangslage mag der St. Galler: Dann, wenn niemand mit ihm rechnet, ist der Speed-Spezialist am besten. Das hat er in der Vergangenheit schon oft bewiesen.