Welt der Wanderwörter

GOTTLIEBEN. Eine Reisephilosophin zeigt in Zsuzsanna Gahses neuem «Südsudelbuch» die Unterschiede zwischen Flüchtlingen und Urlaubern, im Hintergrund leuchten die Alpen und der Süden auf.

Dieter Langhart
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Buchvernissage: Stefan Keller hat Zsuzsanna Gahse gestern zur ersten Lesung aus ihrem «Südsudelbuch» ins Bodmanhaus eingeladen. (Bild: Dieter Langhart)

Buchvernissage: Stefan Keller hat Zsuzsanna Gahse gestern zur ersten Lesung aus ihrem «Südsudelbuch» ins Bodmanhaus eingeladen. (Bild: Dieter Langhart)

Zur Sonntagsmatinée hat der Thurgauer Autor und Journalist Stefan Keller die Thurgauer Autorin und Übersetzerin Zsuzsanna Gahse ins Bodmanhaus eingeladen, das die Autorin ein paar Jahre vor ihm geleitet hat. Als «eine der sprachmächtigsten Autorinnen der Schweiz» stellt er sie vor, die mit dem «Südsudelbuch» eine Reisegeschichte aufgeschrieben hat über Grossvater Endre, der aus Ungarn nach Granada ausgewandert ist; eine Fluchtgeschichte auch über Endre, der sich das Leben genommen hat. «Das <Südsudelbuch> ist ein Reisetagebuch, aber kein gemütliches Buch», sagt Keller zu den drei Dutzend Zuhörerinnen und Zuhörern, denn im Süden Europas kommen auch Flüchtlingsströme an.

Joghurt ist ein Wanderwort

Zsuzsanna Gahse erzähle ganz selten linear, sondern den Wörtern nach; sie suche beharrlich nach der Wirklichkeit hinter den Begriffen. «Was kann Kunst und Literatur Besseres, als uns leicht und genau mitnehmen in eine andere Richtung.»

Zsuzsanna Gahse liest aus beiden Südsudelbüchern, die im hochroten Umschlag stecken und in der die Ich-Erzählerin Notizen, Erinnerungen, Beobachtungen vereint. Sie erzählt vom Lieblingslied ihres Grossvaters und von den sieben Kindern, die sie hat, die sieben bekannten Raben, die ihr Nachrichten zutragen; sie trifft auf einen Fotografen, Tokoll, der sie fortan oft begleiten wird, und unterhält sich über Joghurt, ein Fremdwort, ein Wanderwort; sie stellt mit ihm eine Liste für Umherziehende zusammen, die Wörter wie Keinländer und Asylanten, Vertriebene und Bootsleute enthält; sie schreibt Sätze wie Tausend Geschichten und eine Nacht hin, die das Buch und die Welt in sich tragen.

Kein Wort ist zu viel

Die Lesung spiegelt den fragmentarischen und doch präzise beobachtenden Stil des Buches wider. Da ist kein Wort zu viel, und ein jedes lässt dahinter Geschichten und Landschaften erahnen.

Zsuzsanna Gahse: Südsudelbuch. Edition Korrespondenzen, Wien 2012. 173 Seiten.