Welche Liga darf es sein?

Von der Super League war die Rede, es droht noch immer der Fall in die 2. Liga. Diese Berg- und Talfahrt führt zur Frage: Welche Liga passt denn eigentlich zum FC Wil? Und, ketzerischer gefragt: Ist ein Fussballclub schützenswertes Kulturgut?

Ralf Streule
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Flutlichtanlage in der IGP-Arena: In Wil wachsen die Träume vorerst nicht mehr in den Himmel. (Bild: Benjamin Manser)

Flutlichtanlage in der IGP-Arena: In Wil wachsen die Träume vorerst nicht mehr in den Himmel. (Bild: Benjamin Manser)

Ralf Streule

Im Fünfminutentakt surrte gestern das Telefon von Patrick Bitzer, dem Mediensprecher des FC Wil. Journalisten aus der ganzen Schweiz wollten wissen: Sind denn nun, am Stichtag, die Januarlöhne der Spieler bezahlt? Wie steht es um die Rettungsaktion? Überlebt der FC Wil in der Challenge League? Die grossen nationalen Zeitungen füllen derzeit ganze Seiten über den FC Wil. Das Sportpanorama befasst sich mit dem Thema länger als mit jedem Super-League-Spiel. Und als Clubpräsident Roger Bigger Anfang Februar die Hiobsbotschaft überbringen musste, dass Investor Mehmet Nazif Günal seine Millionenzahlungen eingestellt hat, kamen gut 50 Medienleute in die IGP Arena. So viele wie wohl nie zuvor. Eine Tatsache, die Bigger damals sagen liess: «Es wäre schön, wäre das Interesse immer so gross.»

Ligazugehörigkeit ist auch eine Frage des Zuschauerinteresses

Bigger, der visionäre – je nach Sichtweise, überambitionierte – Präsident machte nie einen Hehl daraus: Eine Saison im Mittelfeld der Challenge League, und damit der medialen Bedeutungslosigkeit, war nicht sein Ding. Und als er die türkischen Investoren an einem schönen Sommertag 2015 vorstellte, sagte er, nicht mehr «in der Challenge League dümpeln» zu wollen. Die Realität hat ihn ein- und überholt. Und jetzt, da weiterhin der Konkurs und der Sturz in die Niederungen des Amateurfussballs drohen, fragt sich der Aussenstehende: In welche Liga gehört ein Club wie der FC Wil?

Sportliche Ausreisser nach unten und oben wird es immer geben: Am Ende ist die Ligazugehörigkeit aber eine Frage des freien Markts. Das Zuschauerinteresse an einem Club entscheidet darüber, ob sich genügend Sponsoren finden. Aber auch darüber, ob sich ein seriöser und potenter Geldgeber aus der Region langfristig mit Herzblut engagieren will – wie dies in anderen Schweizer Clubs, vorwiegend aus der Super League, der Fall ist. Dass das Interesse am FC Wil begrenzt ist, auf gutem Niveau zwar, aber nicht auf grossartigem, zeigt sich beim Zuschauerschnitt, der um die Tausendermarke pendelt – und in diesem Jahr nur dank der vielen Zürcher Fans um einiges höher liegt. Mit diesen Zahlen liegt der FC Wil im Mittelfeld der Challenge League. Dort ist der Club wohl gut aufgehoben. Das lässt sich künstlich mit fremder Hilfe nicht so einfach ändern. Eine Ausnahme mag Hoffenheim in der deutschen Bundesliga sein – wo der Mäzen aber langjähriger Clubbegleiter ist.

Eine grundsätzliche Frage müssen sich in den kommenden Tagen vielleicht auch die Stadtbehörden in Wil stellen: Ist der FC Wil, beziehungsweise seine Ligazugehörigkeit, immer noch schützenswert? Der Club hat – trotz schwelendem Streit – bei der Stadt einen Antrag deponiert, bei der Sanierungsaktion mitzuhelfen. Soll also die öffentliche Hand mithelfen, einen Konkurs abzuwenden? Der Fussballfan bejaht diese Frage gerne, bringt Themen an wie den Imagegewinn, die Tradition und die gesellschaftliche Ausstrahlung des Fussballs. Er sieht den Fussball als für die Region verbindendes Element, als Kulturgut. All dies mag für Clubs wie Real Madrid gelten. Um einiges weniger für Super-League-Teams wie den FC St. Gallen, dem das Stadtparlament 2010 einen Sanierungszustupf verweigerte. Noch weniger den FC Thun, dem die Stadt im Dezember dennoch ein Darlehen von einer halben Million Franken sprach, um ihm über die Runden zu helfen.

Stadt Wil muss Bescheidenheit fordern

Natürlich liesse sich auch aus Sicht des FC Wil mit der Tradition argumentieren: Wils Aufstieg begann zwar erst 1991, als ein gewisser Christian Gross die Mannschaft in vier Spielzeiten von der 2. Liga in die NLB brachte. Ein Cupsieg und zwei NLA-Saisons brachte den Verein aber schweizweit ins Gespräch. Daraus einen Imagegewinn abzuleiten, wäre dennoch wohl verfehlt. Dazu kommt, dass seither viel Geschirr zerbrochen, ein Ruf verspielt wurde. Für die Stadt geht es deshalb vor allem um etwas anderes: Sie muss sich überlegen, ob sie mithelfen will, 70 Arbeitsplätze und eine ganze Juniorenabteilung zu retten.

Hilft sie mit, wird sie daran aber wohl eine Bedingung knüpfen: Der FC Wil muss sich bei einer allfälligen Rettung künftig zu Bescheidenheit bekennen. Wils Stadtpräsidentin Susanne Hartmann wünscht sich sogar explizit einen Führungswechsel, da das Vertrauen in den jetzigen Verwaltungsrat gelitten habe. Bigger hat zusammen mit den Aktionären die Situation rund um die türkischen Geldgeber falsch eingeschätzt. Etwas, das ihn auch als Finanzchef der Swiss Football League in Frage stellt und verwundbar gemacht hat. Das Problem: Es ist schwer jemanden zu finden, der so viel Herzblut, Gelder und Zeit in den Verein steckt wie Bigger. Will er den Verein nicht nur retten, sondern auch weiter führen, braucht es von seiner Seite ein Umdenken. Er muss sich damit abfinden können, dass der FC Wil im Challenge-League-Mittelfeld gut aufgehoben ist und dies nichts mit «dümpeln» zu tun hat. Er muss sich damit abfinden, dass man im Nachwuchskonstrukt zusammen mit dem FC St. Gallen die Rolle des Farmteams übernimmt. Er darf den Versuchungen vom schnellen Aufstieg nicht erliegen. Und er muss das einsehen, was FC-Winterthur-Geschäftsführer Andreas Mösli kürzlich im «Blick» sagte: «Jeder Verein muss seinen Platz im Schweizer Fussball finden. Und der FC Wil ist im besten Fall ein Challenge-Ligist. Nicht mehr.»