Fredy Rüegg
«Mach es wie die Sonnenuhr, zähl die heitren Stunden nur»

Unter grosser Anteilnahme ist gestern Montag in Affoltern der frühere Radprofi und Fahrradkonstrukteur Fredy Rüegg beigesetzt worden.

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«Mach es wie die Sonnenuhr, zähl die heitren Stunden nur»

«Mach es wie die Sonnenuhr, zähl die heitren Stunden nur»

Anzeiger aus dem Bezirk Affoltern

Von Martin Platter

Ich hatte das Privileg, meinen Lebensweg während 25 Jahren mit diesem grossartigen Mensch teilen zu dürfen. Zuerst war er während vier Jahren mein Arbeitgeber. Während dieser Zeit infizierte er mich mit dem Fahrradvirus. Er, der gelernte Möbelschreiner, lehrte mich, den gelernten Velomechaniker, auf dem Weg zur Meisterprüfung Fahrräder vom Grund auf selber zu bauen und sie so zu fahren, dass andere Mühe bekundeten, das Tempo mitzuhalten. Eine wunderbar sorglose Zeit, in der die Wirtschaft boomte und daneben noch viel Zeit für die gemeinsame Leidenschaft - das Rennvelofahren - blieb.
In besonderer Erinnerung werden mir seine lebhaften Geschichten bleiben, die er mir während oder nach der Arbeit über seine Kindheit und seine Erlebnisse als Radprofi erzählt hat. Dabei kullerten ihm manchmal die Tränen über die Wangen, wurde die Stimme immer leiser. In diesen Momenten schien er das Erzählte nochmals zu durchleben. Keine Existenz in Saus und Braus, hin und wieder gebremst von Schicksalsschlägen. Über alles gesehen aber ein glückliches Dasein, geprägt von lieben Menschen, harter Arbeit, klaren Idealen, grossen Zielen und einer unglaublichen Besessenheit, wenn es um technische Details oder das Umsetzen von Ideen ging.
Diese Lebenseinstellung verhalf dem Radprofessional Fredy Rüegg nicht nur zu zahlreichen sportlichen Erfolgen: Tour-de-Suisse- und «Züri-Metzgete»-Sieg 1960, elf Schweizermeistertitel und drei Stundenweltrekorde auf der Bahn als herausragende. Diese Grundhaltung lebte der gebürtige Oberengstringer auch als Mensch, Familienoberhaupt, Freund und Chef vor. Nicht die Äufnung von Erfolgen, materieller Güter und Geld als oberste Prämisse, sondern Fairness und Zufriedenheit im Leben, in der Familie und bei der Arbeit.
Herausragende Merkmale waren seine Grosszügigkeit und sein Idealismus. Kreativität und persönliche Befriedigung waren ihm stets wichtiger als die Rendite. Als er nach Beendigung seiner sportlichen Laufbahn 1974 zusammen mit seiner Frau Theres in Escholzmatt ein Fahrradfachgeschäft eröffnete, wurde der Platz bald zu eng. Der Umzug 1981 nach Affoltern an den Bahnhofplatz ermöglichte ihm den lang gehegten Traum, eigene «Fredy Rüegg»-Velos vom Rahmenrohr bis zum fertigen Rad zu bauen. Er lötete nicht nur die Massrahmen, sondern spritzte sie auch gleich noch selbst im hauseigenen Atelier. «Für än Schriner bau ich doch schöni Velorähme», pflegte er jeweils neckisch zu sagen, wenn er wieder voller Stolz ein neues Rahmendesign im Laden präsentierte.
Hart war es jeweils, mit ihm Radfahren zu gehen. Bis ins hohe Alter legte er ein Tempo vor, das noch manch deutlich Jüngeren resignieren liess. Diebische Freude bereiteten ihm die Ausfahrten mit dem Gentleman Radclub. Unter Gleichgesinnten lebte er seine grosse Erfahrung als Radrennfahrer und ein gerüttelt Mass an taktischer Schlitzohrigkeit zuweilen ziemlich gnadenlos aus - nicht immer zur Freude seiner Clubkollegen, deren Oberschenkel jeweils beinahe platzten, mussten sie seinem Hinterrad folgen. Beim Bier kühlten sich die Gemüter wieder ab, wurde das Erlebte zu Anekdoten gewoben, über die heute noch gerne gelacht wird.
Auf dem Fahrrad erlebte Fredy Rüegg seine härtesten, magischsten und meditativsten Momente. Velo war das Medium, dass ihn zu seiner grossen Liebe und späteren Ehefrau Theres geführt hat. Im Sattel eiferten ihm auch seine beiden Kinder Walo und Doris nach. Die Faszination fürs muskelgetriebene Zweirad begleitete Fredy
Rüegg bis ins hohe Alter. Selbst dann noch, als ihm der Krebs bereits zu schaffen machte. Immer, wenn er sich in den Sattel schwingen konnte, lebte er wieder auf, schöpfte er neue Lebenskraft frei nach seinem Motto, «Mach es wie die Sonnenuhr, zähl die heitren Stunden nur».
In der schwersten Phase seines reichen, 76 Jahre zählenden Lebens konnte er im engsten Kreis mit den Familien seiner beiden Kinder samt Enkeln ernten, was er stets vorgelebt hatte: Liebe, Leidenschaft und Loyalität. Fredy Rüegg war nie ein Lauter und auch kein Blender, sondern einfach ein sensibler, feiner Mensch, der in den Herzen derer, die ihn mochten, weiterleben wird - über den Tod hinaus.