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Die NBA sucht ihren Regenten: Das Epizentrum liegt in Los Angeles

Die Dynastie der Golden State Warriors scheint zu Ende, es können sich so viele Teams Hoffnungen auf den Titel machen wie selten zuvor. Zu den Favoriten zählen auch die Houston Rockets mit Clint Capela und Thabo Sefolosha.

Nicola Berger
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NBA-Beben nach Wechsel: Die Los Angeles Clippers angelten sich All-Star Paul George.

NBA-Beben nach Wechsel: Die Los Angeles Clippers angelten sich All-Star Paul George.

Keystone

Los Angeles mag die Stadt der Engel sein, ein Sehnsuchtsort von globaler Strahlkraft, der Träumer aus aller Welt anzieht. Doch was die beste Basketballliga, die NBA, betrifft, war die Metropole zuletzt vor allem eines: eine Lachnummer.

Los Angeles beherbergt zwei Teams: die Clippers und die Lakers. Beide sind Gelddruckmaschinen, aber ihre sportliche Irrelevanz war in den letzten Jahren atemberaubend.

Die Clippers gerieten nur in die Schlagzeilen, weil ihr Besitzer Donald Sterling 2014 nach rassistischen Tiraden von der NBA lebenslang gesperrt und zum Verkauf gezwungen wurde. Die seit 1984 in Los Angeles beheimateten Clippers sind in ihrem Bestehen nicht einmal in die Nähe eines Titels gelangt, sie konnten sich noch nie für einen Playoff-Final qualifizieren.

Regelmässige Irritationen wegen Rob Pelinka

Die Lakers derweil sind 16-fache Champions, doch ihre Erfolge beginnen zu verblassen, der letzte datiert von 2010, und zuletzt verpasste das Team die Playoffs sechs Mal in Folge. Die Lakers waren nur noch ein Nostalgieprodukt, die Abnabelung von der 2016 zurückgetretenen Lichtgestalt Kobe Bryant war schmerzhaft.

Spielte 20 Jahre für die Los Angeles Lakers: Kobe Bryant.

Spielte 20 Jahre für die Los Angeles Lakers: Kobe Bryant.

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Bryant ist für die Lakers prägend geblieben: Sein einstiger Agent Rob Pelinka führt die Organisation als General Manager und sorgt regelmässig für Irritationen. 2018 erzählte er, Bryant habe einst den Film «The Dark Knight» gesehen und danach den Wunsch geäussert, Schauspieler Heath Ledger, der darin in seiner Paraderolle den Joker verkörperte, zu treffen.

Also habe er, Pelinka, das organisiert. Dabei war der Hinschied Ledgers beim Kinostart von «The Dark Knight» schon fast ein halbes Jahr her. Pelinka ist bei den Lakers bisher wenig gelungen, selbst die Verpflichtung des Superstars LeBron James im Sommer 2018 brachte keine Wende.

LeBron James feiert im Dezember seinen 35. Geburtstag. Die Zeit drängt, will er mit den Lakers noch etwas erreichen.

LeBron James feiert im Dezember seinen 35. Geburtstag. Die Zeit drängt, will er mit den Lakers noch etwas erreichen.

Keystone

Nun dürfte sich das ändern, in einem Tauschgeschäft verpflichteten die Lakers mit Anthony Davis aus New Orleans einen zweiten Superstar, dazu wurde mit Frank Vogel ein neuer Coach installiert. Die Buchmacher quotieren die Organisation seither am zweittiefsten, die Jahre des Kriechgangs sollen vorbei sein.

Die Zeit drängt, will James in Los Angeles noch etwas anderes erreichen als den designierten Kino-Kassenschlager «Space Jam 2», der bereits abgedreht worden ist und 2021 in die Kinos kommt: LeBron James wird im Dezember 35 Jahre alt – und die Liga um ihn herum immer jünger.

Kawhi Leonard und All-Star Paul George zu den Clippers

Dass James und die Lakers bei den Wettanbietern nicht als Nummer 1 gehandelt werden, liegt ausgerechnet an den Clippers. Seitdem das Team nicht mehr Donald Sterling gehört, hat die Franchise eine bemerkenswerte Transformation hinter sich.

Der neue Besitzer, der milliardenschwere Ex-Microsoft-CEO Steve Ballmer, hat für frischen Wind gesorgt. Im Sommer verpflichteten die Clippers Kawhi Leonard, der gerade die Toronto Raptors zu einem sensationellen Titel geführt hat.

Wechselt nach dem Titelgewinn mit den Toronto Raptors zu den Los Angeles Clippers: Kawhi Leonard.

Wechselt nach dem Titelgewinn mit den Toronto Raptors zu den Los Angeles Clippers: Kawhi Leonard.

Keystone

Und für sagenhafte fünf Erstrundendrafts angelten sich die Clippers auch All-Star Paul George aus Oklahoma City. Die beiden Transfers haben für ein tektonisches NBA-Beben gesorgt, die Regentschaft der Golden State Warriors dürfte zu Ende sein – zuletzt hatte dieses Team sechs Mal in Folge die Western Conference gewonnen.

NBA-Saisonstart: Die Nebenschauplätze

«Load Management» I
«Belastungsmanagement» ist das Zauberwort der Stunde in der Liga, seit Kawhi Leonard die Toronto Raptors fast im Alleingang zum ersten Titel der Klubgeschichte geführt hat. Leonard, 28, wurde in der Quali in nur 60 von 82 Spielen eingesetzt, die reduzierte Belastung war der Grund, weshalb er im Playoff frisch war. Das Modell wird rund um die Liga kopiert – die Favoriten können es sich erlauben, ihre Stars zu schonen, weil sie genügend Konkurrenten überlegen sind, sodass ihre Playoff-Teilnahme nicht gefährdet ist.

«Load Management» II

Das Phänomen bedeutet für die Liga eine Zerreissprobe, der Kommissionär Adam Silver ist nicht glücklich über die Entwicklung. Ein NBA-Ticket kosten rund 100 Dollar. Klar, dass das niemand bezahlen will, wenn dann ausgerechnet die Superstars aussetzen. Das kalifornische Start-up-Unternehmen «Fansure» um einen ehemaligen Ingenieur der US-Weltraumbehörde Nasa hat das erkannt und bietet eine Versicherung an, mit der Zuschauer ihr Geld zurückerhalten, sofern Stars nicht zum Einsatz kommen.

Der «Fall China»

Eine harmlose Solidaritätsbekundung auf Twitter für die demokratische Bewegung in Hongkong von Daryl Morey, dem Houston-Manager, löste vor kurzem eine verblüffende Krise zwischen der NBA und China aus, welche weltweit für Schlagzeilen sorgte. Die Aufregung ist noch nicht vorbei: der NBA-Kommissionär Silver sagte in der vergangenen Woche, Chinas Regierung habe ihn aufgefordert, für die Entlassung Moreys zu sorgen. Chinas Staatssender «CCTV» bezichtigt Silver seither der Lüge und kündigte Konsequenzen an.

Der Angriff der Schweizer

Clint Capela und Thabo Sefolosha spielen erstmals gemeinsam, sie stehen beide bei den Houston Rockets unter Vertrag – und bekleiden sehr verschiedene Rollen. Der Genfer Capela, 25, gehört als hoch bezahlter Stammspieler zum Kern dieses Teams, während der 35-jährige Sefolosha in seiner vielleicht letzten NBA-Saison als Ergänzung firmiert. Der Defensivspezialist musste monatelang auf einen Vertrag warten, ehe er zum Minimumsalär von 2,564 Millionen unterschrieb. Er ist in Houston auf dem Papier eher dritte als erste Wahl.

Die neue Attraktion

Sie heisst Zion Williamson und spielt für die New Orleans Pelicans. Williamson, 19-jährig, war im Draft vom Juni als Nummer 1 ausgewählt worden. Er gilt als talentiertester Jüngling, seit LeBron James vor
16 Jahren in die Liga eintrat. Williamson und ein sehr junges Pelicans-Team, das ist die Hoffnung, sollen einen Basketballmarkt beleben, der als einer der schwierigsten überhaupt gilt. Die Arena in New Orleans ist regelmässig leer, die mediale Abdeckung in der Stadt ist vergleichbar mit jener des Basketballs in der Schweiz.

Das Epizentrum der NBA liegt nun in der Entertainmenthochburg Los Angeles, doch auch andere Teams im Westen melden für die am Mittwoch beginnende Saison Aspirationen an, etwa die ebenfalls neu formierten Houston Rockets mit den Schweizern Clint Capela und Thabo Sefolosha. Daneben haben auch die Philadelphia 76ers, Milwaukee Bucks oder Denver Nuggets das Potenzial, um dafür zu sorgen, dass in Los Angeles im nächsten Sommer wieder ein paar Träume platzen.

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