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Was sie waren, was sie sind: Die ehemalige Weltklasseathletin Cornelia Bürki läuft nur noch bei schönem Wetter: «Ich habe lang genug bei Regen und Schnee trainiert»

Die frühere Mittelstreckenläuferin Cornelia Bürki stellte zahlreiche Schweizer Rekorde auf und nahm an drei Olympischen Spielen teil – trotz Kindern und einem Schicksalsschlag. Sie ist glücklich und stolz, was sie unter diesen erschwerten Bedingungen erreichen konnte. Der Sport selbst ist ein wichtiger Teil ihres Lebens geblieben.

Raya Badraun
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Cornelia Bürki an der Leichtathletik-WM 1986 in Stuttgart.
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Die Schweizerin Cornelia Bürki läuft am 24. August 1977 bei Weltklasse Zürich im Letzigrund-Stadion im 1500-m-Lauf mit einer Zeit von 4:12,14 Minuten als erste über die Ziellinie.
Cornelia Bürki beim Spaghetti essen 1985.
Cornelia Bürki beim Trainieren mit ihren Töchtern Sorita (L) und Esther, 1980.
Die Läuferin Cornelia Bürki strahlt am 13. Juli 1978 nach ihrem Rennen beim Internationalen Leichtathletik-Meeting in Lausanne.
Die Leichtathletin Cornelia Bürki trägt beim Einmarsch der Schweizer Delegation an der Eröffnungsfeier bei den Olympischen Sommerspielen 1988 in Seoul die Schweizer Fahne.
Cornelia Bürki bei einem Rennen im August 1988.
An der Leichtathletik-WM 1986 in Stuttgart.
Cornelia Bürki mit ihrem Lebenspartner, ihren Töchtern Sorita und Esther sowie den beiden Enkeln.

Cornelia Bürki an der Leichtathletik-WM 1986 in Stuttgart.

 Bild: Imago 

Beinahe hätte die Karriere von Cornelia Bürki geendet, bevor sie richtig angefangen hatte. Ein Schicksalsschlag ereilte sie 1981, ein Jahr nach den Olympischen Sommerspielen in Moskau. Ihre damals neunjährige Adoptivtochter Esther wurde von einem Auto angefahren. Sechs Monate lag das Mädchen im Koma und erwachte später schwerbehindert. Bürki war in dieser Zeit fast Tag und Nacht im Kinderspital. An der Schweizer Meisterschaft nahm sie zwar noch teil, mit dem Training hatte sie jedoch aufgehört. Nur hin und wieder rannte sie um die Klinik herum, um etwas frische Luft zu bekommen.

Damals wollte Bürki ihre Karriere als Mittel- und Langstreckenläuferin beenden. Doch die Ärzte sahen das anders. Sie empfahlen ihr, sich Zeit für sich zu nehmen, wieder Sport zu treiben. Und als Esther erwachte, da fragte sie ihre Mutter nach den Wettkämpfen. «Sie hatte immer so Freude, mir zuzuschauen», sagt Bürki. Also machte sie weiter.

Laufen in der Nacht bei Schneegestöber

Zu Beginn trainierte Bürki wenig und nur zu Randzeiten. Sie erinnert sich noch gut, wie sie regelmässig am Abend um zehn nach Hause kam und danach auf der Strasse im Schneegestöber rannte. Später, als die Tochter in Wetzikon eine Schule besuchte, wurden die Einheiten wieder mehr. Das war zwei Jahre nach dem Unfall. Bürki sagt:

«Ich trainierte damals härter als je zuvor, auch um mich abzureagieren und zu verarbeiten. Der Sport half mir sehr.»

Obwohl sie nun weniger Zeit hatte als früher, war sie so gut wie nie zuvor. Sie nahm an zwei weiteren Olympischen Spielen teil, wurde Fünfte und Zehnte über 3000 Meter. Ihren grössten Erfolg feierte sie jedoch an der WM. 1987 überquerte sie die Ziellinie über 1500 und 3000 Meter jeweils als Vierte.

Die Medaillen von damals – sie gewann insgesamt 47 Schweizer Meistertitel – hat Bürki heute nicht mehr alle. Einen Teil hat sie verschenkt, der Rest liegt auf dem Estrich ihres Hauses in Wagen bei Rapperswil. Die Erinnerungen sind jedoch nicht verblasst. Jedes Jahr trifft sich die heute 66-Jährige mit ihren ehemaligen Teamkolleginnen aus der Nationalmannschaft, mit zwei früheren Gegnerinnen aus Deutschland telefoniert sie gar wöchentlich. Der Sport, das wird schnell klar, war für sie immer mehr als nur Bewegung und Leistung. In der Leichtathletik suchte und fand sie ihr soziales Netzwerk.

Deutsch lernen mit der Zeitung

Mit 20 Jahren heiratete Bürki in Südafrika einen Schweizer und kam mit ihm in die Ostschweiz. Der Anfang war schwierig. Es gab keine Sprachkurse, nur mit wenigen konnte sie sich auf Englisch unterhalten und den Kontakt mit der Familie zu halten war ohne Skype und Internet eine Herausforderung. Dank der Zeitung und einem Wörterbuch lernte die junge Mutter Deutsch. Schliesslich las sie in einem Artikel von Leichtathleten, die in der Region trainierten.

Bürki war interessiert – und fand im Telefonbuch die Kontaktdaten des LC Rapperswil-Jona. Dort schloss sich die Mittelstreckenläuferin mangels Alternativen den Sprintern an. Als sie jedoch ihre Gegnerinnen beobachtete, sah sie schnell, dass sie mit diesem Training nicht weiter kommen würde. Also fing sie an, sich selbst zu trainieren. Bald bildete sich ein Grüppchen von Läufern um Bürki, die ihrem Trainingsplan folgten.

Sie selbst häufte Wissen an, sprach mit internationalen Trainern, schaute, was die Männer machten, probierte viel aus – und verwarf es wieder. Mit ihrer Methode hatte sie schnell Erfolg. Nur zwei Jahre nach ihrer Ankunft in der Schweiz stellte sie über 1500 Meter ihren ersten von 28 Landesrekorden auf. Vollprofi wie die internationale Konkurrenz war Bürki indes nie. Ihre beiden Töchter nahm sie jeweils ins Training mit. Während sie Runden lief, spielten diese im Sand der Weitsprunganlage oder rannten mit. Nahm sie an Wettkämpfen teil, schaute eine Freundin zu den Kindern. Meist reiste Bürki mit dem letzten Flug an die Wettkämpfe und kam mit dem ersten wieder nach Hause. Sie wollte nicht zu lange fortbleiben von den Kindern.

Mit den Enkeln ans Meer reisen

«Ich bin sehr glücklich und stolz, was ich unter diesen erschwerten Bedingungen erreichen konnte», sagt Bürki heute. Bis im vergangenen Herbst gab sie ihre Erfahrungen als Trainerin beim LC Rapperswil-Jona weiter. Nun hat sie jedoch aufgehört. Einerseits weil die Betreuung von Tochter Esther mehr Zeit beansprucht, seit die Epilepsie schlimmer geworden ist. Aber auch, weil sie im Sommer endlich einmal Ferien machen möchte. Dies ging weder in ihrer Zeit als Athletin noch als Trainerin.

«Ich würde gerne einmal mit meinen zwei Enkeln ans Meer fahren.»

Der Sport selbst ist dennoch ein wichtiger Teil ihres Lebens geblieben. Noch immer geht sie drei- bis fünfmal pro Woche laufen. «Aber nur bei schönem Wetter», sagt sie und lacht. «Ich habe lang genug bei Regen und Schnee trainiert.»

Cornelia Bürki an der Leichtathletik-WM 1986 in Stuttgart.
9 Bilder
Die Schweizerin Cornelia Bürki läuft am 24. August 1977 bei Weltklasse Zürich im Letzigrund-Stadion im 1500-m-Lauf mit einer Zeit von 4:12,14 Minuten als erste über die Ziellinie.
Cornelia Bürki beim Spaghetti essen 1985.
Cornelia Bürki beim Trainieren mit ihren Töchtern Sorita (L) und Esther, 1980.
Die Läuferin Cornelia Bürki strahlt am 13. Juli 1978 nach ihrem Rennen beim Internationalen Leichtathletik-Meeting in Lausanne.
Die Leichtathletin Cornelia Bürki trägt beim Einmarsch der Schweizer Delegation an der Eröffnungsfeier bei den Olympischen Sommerspielen 1988 in Seoul die Schweizer Fahne.
Cornelia Bürki bei einem Rennen im August 1988.
An der Leichtathletik-WM 1986 in Stuttgart.
Cornelia Bürki mit ihrem Lebenspartner, ihren Töchtern Sorita und Esther sowie den beiden Enkeln.

Cornelia Bürki an der Leichtathletik-WM 1986 in Stuttgart.

 Bild: Imago