Was muss die Schule können?

WEINFELDEN. In seiner neuen Inszenierung «Aussetzer» geht das Theater Bilitz der Frage nach, wo die Verantwortung der Schule anfängt – und wo sie aufhört. Klare Antworten darf man nicht erwarten, weil es sie nicht gibt.

Severin Schwendener
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«Aussetzer» am Theater Bilitz: Chris (Gábor Németh) will, dass seine Lehrerin Julika Stöhr (Anja Tobler) seine Note aufrundet. (Bild: Nana do Carmo)

«Aussetzer» am Theater Bilitz: Chris (Gábor Németh) will, dass seine Lehrerin Julika Stöhr (Anja Tobler) seine Note aufrundet. (Bild: Nana do Carmo)

«Natürlich fühlt man sich mitschuldig», sagt Julika Stöhr, Anfang dreissig, Lehrerin. Und bringt gleich im ersten Satz das Grundproblem der Schule auf den Punkt: Wo hört die Verantwortung der Schule auf, wo fängt jene der Eltern an? Das Theater Bilitz bringt zu seinem 25-Jahr-Jubiläum ein neues Stück auf die Bühne, das sich dieser Frage widmet. «Aussetzer» stammt vom deutschen Dramatiker und Regisseur Lutz Hübner und kam am Mittwoch zur Schweizer Erstaufführung.

Gefährliches Spiel

«Aussetzer» handelt von der Lehrerin Julika Stöhr und ihrem Schüler Chris Neumann. Sie ist jung und motiviert, er ist siebzehn, hat den Lehrvertrag (fast) in der Tasche und erwartet von der Schule vor allem eines: «keinen Stress». Den gibt's aber, als der Lehrmeister eine genügende Mathematiknote fordert – es kommt zur Diskussion mit Julika, an deren Ende Chris seine Lehrerin niederschlägt.

Doch Julika verschweigt den Überfall, schliesst stattdessen mit dem Schläger einen Pakt. Ihr Schweigen gegen das Versprechen von Chris, sich anzustrengen und mit ihr den verpassten Stoff nachzuholen. Sie weiss, welch gefährliches Spiel sie treibt, doch: «Wenn ich damit nicht fertig werde, werde ich mit meinem Beruf nicht fertig.»

Knapp und prägnant

Stück und Inszenierung beschränken sich auf das Wesentliche: zwei Rollen, einfaches, modernes Bühnenbild mit Stühlen als einzige Requisiten. Die Teppichbahnen, die den Boden bilden, sind im Hintergrund hochgezogen und bilden gleichzeitig Wände, Türen und Projektionsfläche für Videoeinspielungen. Diese Reduktion rückt die beiden Figuren ins Zentrum, macht die Geschichte zu einer ganz persönlichen Angelegenheit zwischen Chris und seiner Lehrerin. Das kommt den Schauspielern zugute: Anja Tobler verkörpert die leicht naive, von Idealen geprägte junge Lehrerin mit Stimmlage und Körperhaltung auch jenseits des Texts sehr gut; Gábor Németh schafft es, das Ambivalente von Chris, dieses Schwanken zwischen kindlicher Unsicherheit und expressiver Gewaltbereitschaft, glaubwürdig darzustellen.

Keine einfachen Antworten

Weniger gelungen ist das anfangs oft genutzte Instrument des Dialogs mit dem Publikum. Die beiden Hauptfiguren erzählen dem Publikum oft retrospektiv, was sie erlebt, gefühlt, gedacht haben. Das nimmt Schwung aus der Erzählung, den sie aber im zweiten Drittel wieder findet und bis zur Schlussszene auf hohem Niveau hält. «Aussetzer» ist ein spannendes Stück über ein topaktuelles Thema, das der Versuchung nach einfachen Antworten widersteht und stattdessen zum Denken anregt. Kein Wunder, war das Premierenpublikum begeistert.

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