Was immer schon da ist

Sie war dann mal weg. Nicht etwa auf dem Jakobsweg, sondern einmal um den Globus. Weniger auf der Suche nach sich selbst als aus Neugier auf die Welt und ihre Menschen. Wobei auch das nicht ganz stimmt, denn in der Fremde kommt man sich bekanntlich sehr nahe.

Brigitte Elsner-Heller
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Sie war dann mal weg. Nicht etwa auf dem Jakobsweg, sondern einmal um den Globus. Weniger auf der Suche nach sich selbst als aus Neugier auf die Welt und ihre Menschen. Wobei auch das nicht ganz stimmt, denn in der Fremde kommt man sich bekanntlich sehr nahe.

Mark Twain im Koffer

Die Journalistin Meike Winnemuth ist Anfang 50 und familiär ungebunden, als sie bei Günther Jauch eine halbe Million Euro gewinnt und auf die Frage, was sie mit dem Geld machen wolle, antwortet, für ein Jahr Deutschland verlassen und jeweils für einen Monat in einer Stadt leben, die sie nicht kenne. Als sie drei Monate später, am Neujahrstag 2011, von Istanbul aus nach Sidney aufbricht, hat sie ihre Wohnung in Hamburg untervermietet und nur einen Koffer dabei – und ein Zitat von Mark Twain: «In 20 Jahren wirst du dich mehr über die Dinge ärgern, die du nicht getan hast, als über die, die du getan hast.»

Klug und nachdenklich

Meike Winnemuths Bericht über dieses Jahr ist unter dem Titel «Das grosse Los» erschienen, es hat die Bestsellerlisten erklommen. Warum also zusätzlich darauf hinweisen? Auf ein Buch, das irgendwie ja die Liste der «Ich-bin-dann-mal-weg-Ratgeberliteratur» verlängert?

Was fasziniert, ist die unterhaltsame, kluge, auch nachdenkliche Professionalität, mit der die freie Journalistin das Abenteuer angeht. Auch wenn sie darauf setzt, Planungen bewusst einzugrenzen, um dem glücklichen Zufall eine Chance zu geben, hat sie doch zu Hause noch einen Reise-Weblog eingerichtet und nennt ihren Laptop das wichtigste Reiseutensil. Zu dem sich übrigens später eine silberne Teekanne aus Buenos Aires gesellen wird und ein seidener Morgenmantel aus Indien. Das selbst gestickte Kissen, in London begonnen und in Kopenhagen fertiggestellt, erreicht die Autorin zu Hause in Hamburg.

Von den Stationen – auf Sidney folgen Buenos Aires, Mumbai, Shanghai, Honolulu, San Francisco, London, Kopenhagen, Barcelona, Tel Aviv, Addis Abeba und Havanna – berichtet sie in Briefform an gute Freunde zu Hause oder solche, die es auf ihrer Reise geworden sind.

Frittierte Bienen schmecken

Erfrischend ist die Offenheit, mit der Meike Winnemuth sich auf Menschen und Situationen einlässt. Und sich selbst erprobt, indem sie «Aufträge» von Lesern des Magazins der Süddeutschen Zeitung aufgreift. Dass sie nicht zum Tango-Tanzen geboren ist, ist ein Ergebnis (Buenos Aires), dass frittierte Bienen besser schmecken als frittierte Libellen, ein weiteres (Shanghai).

Am Ende macht Meike Winnemuth die Rechnung auf und stellt fest, dass sie die halbe Million Euro gar nicht gebraucht hätte, um Mark Twains Gedanken zu folgen.

Für einen Leser mit «Normalberuf» und familiären Verpflichtungen mag sich das anders darstellen. Dennoch: Meike Winnemuth pustet den Kopf durch, erinnert immer wieder auch an die «kleinen Fluchten», die sich leicht in den Alltag einfügen lassen. «Es passieren die wunderbarsten Dinge, wenn man sie nur lässt», lautet ihr abschliessender Satz.

Meike Winnemuth: Das grosse Los. Wie ich bei Günther Jauch eine halbe Million gewann und einfach losfuhr. Knaus, 2013, 330 Seiten. Brigitte Elsner-Heller, 1955, ist freie Journalistin und lebt in Konstanz.

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