Warten auf die Vorfreude

Heute beginnt im polnischen Wisla die Skisprung-Saison – der Tross stellt sich auf einen komplizierten Winter ein.

Ralf Streule
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Simon Ammann nach einem Training im Nordic Zentrum in Kandersteg.

Simon Ammann nach einem Training im Nordic Zentrum in Kandersteg.

Bild: Anthony Anex/KEY (Kandersteg, 28. Oktober 2020)

«Die Adler sind wieder frei!» Der internationale Skiverband FIS verbreitet gute Stimmung und hat unter diesem Motto ein emotionales Video zum Skisprung-Saisonstart produzieren lassen. Wer es sieht, bekommt Lust auf Winter, auf weite Flüge, auf Vierschanzentournee und nordische WM. Doch kaum ist der Film zu Ende, landet man wieder in der Realität. Und erinnert sich an Simon Ammann, der im Mediengespräch vor zwei Wochen wenig euphorisch sagte: «Vielleicht kommt die Vorfreude mit dem Saisonstart.» Sowie an Nationaltrainer Ronny Hornschuh, der erklärte: «Niemand kann sagen, wo das in dieser Saison hinläuft.»

Keine Frage: Derzeit dämpft die Corona-Unsicherheit die Freude im Skisprung-Zirkus. Die meisten Wettkämpfe sind zwar weiterhin im Programm, nur jener in Sapporo ist bisher abgesagt, sowie jener der Frauen in Lillehammer. Zuschauer werden aber zumindest in den ersten Saisonwochen nicht dabei sein. Auch nicht im polnischen Wisla, wo heute Abend die Qualifikation zum ersten Weltcup-Springen der Saison stattfindet. Keine Zuschauer auch in Engelberg Ende Dezember, keine in Garmisch-Partenkirchen beim Neujahrsspringen an der Vierschanzentournee – und wohl auch an allen anderen Wettkämpfen.

Coronatests und Abstandsregeln

Die fehlenden Zuschauer sind aber nicht das einzige Problem, das die Skisprungteams vor dem Coronawinter umtreibt. Die Organisation der Wettkampf-Reisen wird kompliziert. So verlangt die FIS von jedem Athleten vor jedem Weltcup-Springen einen negativen Coronatest, der nicht älter als fünf Tage ist. Von Austragungsort zu Austragungsort variiert diese Vorgabe zudem, jeder Veranstalter hat seine eigenen Regeln.

Dazu kommen unzählige Fragen: Muss das gesamte Team in Quarantäne, wenn ein Athlet positiv getestet wird? Wird der Wettkampf durchgeführt, wenn mehrere Teams fehlen? Auch hier sind von Veranstalter zu Veranstalter unterschiedliche Regelungen zu erwarten. Weiter sind da die Abstandsregeln, welche die Wettkampfplanung erschweren. «Wir werden uns in einer Bubble bewegen», sagt Hornschuh. In den Hotels sind die Teams möglichst weit voneinander in verschiedenen Etagen untergebracht, gegessen wird gestaffelt. Zu vergessen sind in dieser Saison auch die Treffen mit Berufskollegen, die man den Sommer über nicht gesehen hat.

Teams reisen gemeinsam in einem Charterflug

Die Mannschaften komplett zu trennen, sei aber utopisch, sagt Disziplinenchef Berni Schödler. Zum zweiten Weltcup-Springen im finnischen Ruka bis hin zur Skiflug-WM in Planica werden alle Teams mit einem Charterflug gemeinsam unterwegs sein – dies unter anderem, da die Reise ins russische Nazhny Tagil derzeit nicht mit einem Linienflug absolviert werden kann.

Apropos Skiflug-WM: Diese wurde im vergangenen Frühling, als die erste Welle den Sport abrupt bremste, auf Mitte Dezember verschoben. In der damaligen Hoffnung, dass bis dahin alles ein wenig einfacher sein wird und Zuschauer zugelassen sein werden.

Falsch gedacht. Den Skispringern bleibt derzeit nichts anderes übrig, als Schritt für Schritt zu nehmen, und Flug für Flug – wenn alles gut geht, bis hin zum Saisonhöhepunkt, der nordischen Ski-WM Ende Februar in Oberstdorf.

Saisonhöhepunkte 2020/21:

20.-22. November: Saisonstart in Wisla (POL)

10.-13. Dezember: Skiflug-WM in Planica (SLO)

18.-20. Dezember: Weltcup- Springen in Engelberg

Von 28. Dezember bis 6. Januar: Vierschanzentournee in Oberstdorf, Garmisch Partenkirchen, Innsbruck und Bischofshofen

22. Februar – 7. März: Nordische Ski-WM Oberstdorf