Die «Liga der Autobusse» sehnt sich nach Spektakel

Nach der WM gibt es neuen Zuschauerandrang in die russischen Fussballstadien. Aber es mangelt weiter an Geld, Traditionen und attraktiven Spielen.

Stefan Scholl, Moskau
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Volle Ränge in St. Petersburg: Der Zuschauerdurchschnitt in Russland stieg an. (Bild: Peter Kovalev/Getty (St. Petersburg, 23. August 2018))

Volle Ränge in St. Petersburg: Der Zuschauerdurchschnitt in Russland stieg an. (Bild: Peter Kovalev/Getty (St. Petersburg, 23. August 2018))

Russland feiert neue Fussballwunder. In der Qualifikation zur Europa League gewann Zenit Sankt Petersburg vor einer Woche nach einem 0:4 im Hinspiel das Rückspiel mit 8:1, WM-Held Artjom Dsjuba schoss einen Hattrick gegen Dinamo Minsk. Im gestrigen Playoff-Hinspiel gegen den norwegischen Vertreter Molde FK resultierte ein 3:1-Heimsieg. Der eigentliche Aufreger der letzten Woche aber waren Schienbeinschoner in den ukrainischen Farben Blau-Gelb. Die entblösste Jewhen Chatscheridi, ukrainischer Legionär von PAOK Thessaloniki, nach dem Champions-League-Qualifikationsspiel gegen Spartak Moskau. Duma-Abgeordnete empörten sich über eine «offensichtliche Provokation». Spartak aber war nach dem 0:0 ausgeschieden.

Gut einen Monat nach dem Ende der WM herrscht in Russland wieder eifriger Spielbetrieb. Und die Begeisterung über die «Sbornaja», die bis in den WM-Viertelfinal kam, beflügelt zumindest die Fans. Am vierten Spieltag der russischen Premjer-Liga zählte footboom.com durchschnittlich knapp 24 000 Zuschauer, 9000 mehr als im Vorjahr. Auch die zweite russische Fussballliga boomt, die Heimspiele des Klubs Baltika im neuen Kaliningrader WM-Stadion besuchen im Schnitt 10 000 Fans, Mordowija Saransk mobilisiert sogar 25 000. Allerdings hängen beide Teams in der Tabelle auf Platz 17 und 15.

Eine goldene Phase für den Profifussball ist möglich

«Die WM-Neubauten und die gestiegene Aufmerksamkeit haben eine goldene Phase für den russischen Profifussball eröffnet», sagt der Moskauer Sportexperte Samwel Awakjan unserer Zeitung. «Die Frage ist, was die Ligen und der Verband daraus machen.» Atemberaubend ist der Fussball in Russland noch nicht. Zu Saisonbeginn häufen sich Spiele mit minimaler Torausbeute. «Liga der Autobusse» titelt das Nachrichtenportal lenta.ru, eine Anspielung auch auf die ausgeprägte Defensive der Nationalelf bei der WM. Aber russische Spezialisten bezweifeln, dass das Gemauere, das bei der WM selbst der Sieger Frankreich veranstaltete, schon Schule macht. «Viel mehr taktischen Einfluss haben bei uns die Champions League, die Ideen von Trainern wie Pep Guardiola oder Thomas Tuchel», sagt Awakjan. Klubs wie Spartak oder ZSKA Moskau starteten oft holprig in die Spielzeit, spielten aber grundsätzlich weiter auf Angriff.

Trotzdem sind ungelöste Strukturprobleme offensichtlich. Einerseits mangelt es an Geld, die Klubs der russischen Premjer-Liga kassieren aus TV-Rechten durchschnittlich 1,8 Millionen Euro im Jahr – Englands Premier League schüttet pro Verein 113,6 Millionen Euro TV-Gelder aus.

Fast alle russischen Klubs sind von grossen Geldgebern abhängig: Von Gazprom, der russischen Eisenbahn oder Lukoil, ohne «Generalsponsor» droht der Bank­rott. So wie jetzt dem Viertletzten der Liga, Anschi Machatschkala. Der dagestanische Verein schwamm im Geld, bis der milliardenschwere Regionaloligarch Sulejman Kerimow das kostspielige Spielzeug 2016 abstiess. Und schon in der Sommerpause machte Pokalsieger FK Tosno dicht, der Verein war seinen Besitzern zu teuer geworden. Laut lenta.ru gibt es in der Premjerliga nur vier private Klubs, die meisten Vereine werden von Staatskonzernen oder aus Regionalhaushalten finanziert. Es mangelt an Finanzen, Traditionen, an erfolgreicher Nachwuchsarbeit und massenhaften Fan-Gemeinden.

Umzug von Sankt Petersburg nach Sotschi

Bezeichnend der zur Saison neu gegründete Zweitligaklub Sotschi. Ein Rebranding von Dinamo Sankt Petersburg, das mit seiner kompletten Mannschaft ans Schwarze Meer umzog, wo das WM-Stadion leer stand. Immerhin, das Retortenteam belegt den 6. Platz, hat Chancen auf den Aufstiegskampf.

Und zum ersten Spiel kamen auch 10 000 Zuschauer. Allerdings unterlag Petersburg-Sotschi dem FK Nischni Nowgorod 0:1. Aber zum Aufreger wurde wieder ein Legionär der Gastmannschaft: Der Ukrainer Witali Fjodorow drehte sich beim Abspielen der Nationalhymne als einziger nicht zur russischen Flagge, sondern schaute ungerührt zur Tribüne. «Keineswegs die erste Provokation eines Fussballers aus der Ukraine», schimpft das Boulevard-Portal life.ru. In Russland entfacht die Politik zurzeit weit mehr Emotionen als der Fussball.

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