Kommentar

Vorhang auf für den Fussball – und einen weiteren St.Galler Höhenflug

Heute Abend nimmt die Schweizer Fussballmeisterschaft nach fast vier Monaten Warten den Betrieb wieder auf. Wie geht das Meisterrennen aus? Wer steigt ab? Und wer sorgt für Überraschungen? Eine Analyse.

Etienne Wuillemin
Drucken
Teilen
Das letzte Spiel vor dem Lockdown: St.Gallen (hier Lukas Görtler) und YB trennen sich 3:3 unentschieden.

Das letzte Spiel vor dem Lockdown: St.Gallen (hier Lukas Görtler) und YB trennen sich 3:3 unentschieden.

Urs Bucher
Etienne Wuillemin

Etienne Wuillemin

Das lange Warten hat ein Ende. 117 Tage, also fast vier Monate nach dem letzten Spiel, ist der Schweizer Spitzenfussball heute Abend zurück. YB-FCZ und GC-Aarau bilden den Auftakt. Die Stadien bleiben leer, die Sorgen sind weiter gross – aber immerhin rollt der Ball wieder. Es ist eine erste gute Nachricht auf dem weiten Weg zurück in die Normalität.

13 Runden sind noch zu spielen, bis spätestens am 2. August der Schweizer Meister gekürt ist. Vielleicht sogar endlich wieder einmal in einer Finalissima. YB empfängt an jenem Sonntag St.Gallen, es wäre das Duell zwischen dem Meister der letzten zwei Jahre und dem grossen Überraschungsteam der Saison. Doch bis es so weit ist, sind noch manche Fragen zu klären.

Die wichtigste Frage: Wer überlebt?

Natürlich, die Fragen, die sich darum drehen, wie das Überleben gesichert werden kann, stehen für die allermeisten der 20 Profiklubs im Zentrum. Das «Rettungspaket» des Bundesrats für Profiklubs ist untauglich. Wer jetzt auf Gelder angewiesen ist, kann dieses Darlehen kaum in den nächsten Jahren zurückzahlen. Zumal es in den Sternen steht, ob sich die wirtschaftliche Situation rasch bessert. Die Klubs fürchten zurecht um Sponsoren-Gelder, auch die Zuschauereinnahmen sind fraglich – über die nächsten Monate hinaus. Zwischen «Worst-Case» und baldigem «courant normal» ist weiter alles möglich.

Titelkampf I: Die Jugend als St.Galler Vorteil

Doch auch sportlich sind die kommenden Wochen voller Brisanz. Grün-weiss ist ohne Zweifel die Fussball-Farbe der Saison. Mit welcher Wucht und Tempo die jungen Wilden aus St.Gallen unter Trainer Peter Zeidler an die Spitze der Liga gestürmt sind, war faszinierend. Dass der Lauf nun einfach so weitergeht, auch ohne die euphorisierten Zuschauer im Rücken, ist zwar nicht selbstverständlich – aber auch nicht ausgeschlossen. Die Frage ist: Gelingt es, den Fokus weiterhin auf den Moment zu richten und nicht zu sehr an den Titel zu denken und sich davon ablenken zu lassen? Es ist St.Gallen sehr wohl zuzutrauen. Zudem weisen die Ostschweizer gegenüber der Konkurrenz aus Bern und Basel einen wichtigen Vorteil auf: Die Mannschaft ist um einiges jünger. Die Jugend wird sich bei diesem gedrängten Restprogramm als grösster Trumpf erweisen. 13 Spiele in nur sechs Wochen, also zwei pro Woche, das ist eine Belastung, die bis anhin niemand kennt und enorme Anforderungen an die Körper der Fussballer stellt.

Titelkampf II: Kehrt die Unbeschwertheit von YB zurück?

Der meistgenannte Favorit auf den Titel ist YB. Die Berner konnten während Corona ihre Verletzungssorgen lindern, einige Spieler sind zurück. Trainer Seoane kann eigentlich auf zwei vollständige Top-Teams zurückgreifen. Was aber, wenn die Strapazen der englischen Wochen erneut viele Verletzte erzeugen? Was, wenn die Unbeschwertheit der Saisons 2017/18 und 2018/19 noch immer nicht zurückkehrt? Was, wenn YB erstmals im Meisterkampf doch noch gefordert wird, vielleicht plötzlich Unruhe aufkommt? Was, wenn die Geister der einst zahlreich verlorenen entscheidenden Spiele wieder zurückkehren? Man sollte es jedenfalls nicht gänzlich ausschliessen, dass die Meisterfeier 2020 an einem anderen Ort als in Bern stattfindet.

Titelkampf III: Der FCB in der Selbstzerfleischung

In der Spitzengruppe sind die grössten Fragezeichen beim FC Basel zu suchen. Der Klub übt sich Woche für Woche in der Selbstzerfleischung. Erst der bizarre Lohnstreit zwischen Mannschaft und Führung – in aller Öffentlichkeit. Dann die finanziellen Hiobsbotschaften. Der FCB steht wirtschaftlich ziemlich am Abgrund. Und die Wirren um Präsident Bernhard Burgener nehmen immer weiter zu. Diese Woche forderten ihn sogar die Fans zum Rücktritt auf. Und dann wäre da noch der unwürdige Umgang des Vereins mit Trainer Marcel Koller. Es ist ein Zaudern ohne Ende. Jetzt ist immerhin klar, dass Koller bis Ende Saison bleibt. Trotzdem: Es sind nicht gerade die idealen Voraussetzungen, um im Titelrennen mitzureden. Doch der FCB hat auch schon bewiesen, mit widrigen Umständen umgehen zu können. Und wer hätte vor einem Jahr daran geglaubt, dass ein Virus mit dem Namen Corona die Welt lahmlegt?

Abstiegskampf: Kommt Sion noch in den Strudel?

Und sonst? Der FC Luzern muss seine Frühform des Jahres bestätigen. Unter dem neuen Trainer Fabio Celestini kennen die Innerschweizer erst die Sonnenseiten des Lebens. Die Prognose ist kaum gewagt: Es werden auch für Celestini andere Zeiten kommen. Servette ist zuzutrauen, den hervorragenden und erfolgreichen Fussball auch weiterhin auf den Platz zu bringen. Beim FCZ ist Sportchef Thomas Bickel weg – aber damit wohl kaum auch sämtliche Probleme. In Lugano ist vieles denkbar in alle Richtungen, am wahrscheinlichsten aber der humorlose Ligaerhalt. Der FC Sion und sein – wohlwollend formuliert – streitbarer Präsident Christian Constantin haben die Corona-Pause einmal mehr genutzt, um in der Liga Chaos zu säen. Nun müssen die Walliser den Abstieg verhindern. Es dürfte am Ende gelingen. Weil die Qualität im Kader grösser ist als bei der Konkurrenz in Thun und Neuenburg.

Vorhang auf also für das letzte Drittel der Meisterschaft in einer Saison, die so oder so denkwürdig bleibt. Ganz egal, wer am Ende jubelt.