VORBEREITUNG: Schuften für den Winter

Der Skirennfahrer Ralph Weber trainiert während des Sommers in Filzbach oberhalb des Walensees. Dort führt der 24-jährige Gossauer ein Leben fast wie im Klassenlager.

Raya Badraun, Filzbach
Drucken
Teilen
In einem Materialraum im Sportzentrum Kerenzerberg stemmt Ralph Weber Gewichte. (Bilder: Ralph Ribi)

In einem Materialraum im Sportzentrum Kerenzerberg stemmt Ralph Weber Gewichte. (Bilder: Ralph Ribi)

Raya Badraun, Filzbach

Filzbach oberhalb des Walensees ist ein ruhiger Fleck. Daran können auch die Kinder nichts ändern, die an diesem Morgen aus einem Car steigen. Ob sie wissen, wo sie hier sind? Gelangweilt sitzen sie in der Sonne und warten darauf, endlich ihre Zimmer zu beziehen. Für Ralph Weber hingegen hat das Lagerleben schon längst begonnen. Seit Ende Mai trainiert der Gossauer Skirennfahrer mit einer kleinen Gruppe im Sportzentrum Kerenzerberg. An diesem Morgen steht er im Materialraum zwischen Unihockeytoren und Matten. Auf seinen Schultern lasten 90 Kilo. Einbeinig geht er in die Knie, die Lippen zusammengepresst, die Augen verengt. «Such das Limit», ruft Konditionstrainer Jürgen Loacker. «Komm, aggressiv.» Dann, unter einem lauten Stöhnen, stösst Weber das Gewicht in die Höhe. Kaum hat er es geschafft, beginnt der Kampf gegen die Last von vorne.

«Das Sommertraining ist körperlich anstrengender als der Winter», sagt Weber. Die Wochen sind ausgefüllt, von Montag bis Samstag wird trainiert. Insgesamt sind es 30 Stunden. «Rechnet man die Regeneration und alles drumherum dazu, ist es ein 24-Stunden-Job», sagt Loacker. Über Tage hinweg plagen sich die Sportler, gehen ans Limit, versuchen, alles aus dem Körper herauszuholen. Weber ist froh, dass er das nicht immer alleine tun muss. «Das wäre schwierig.»

Von Eishockey über Biken zum Wandern

Bis zu 300 Tage verbringen Athleten und Trainer pro Jahr zusammen auf Reisen und im Training. «Skifahren ist eine Teamsportart», sagt Weber. «Nur vom Start bis zum Ziel ist man alleine.» An diesem Morgen trainiert er mit Manuel Pleisch und Urs Kryenbühl, die im Europacup und vereinzelt auch im Weltcup starten. Hin und wieder motivieren sie sich, wecken mit höheren Gewichten den Ehrgeiz im Kollegen. Die anderen Skirennfahrer bereiten sich in Magglingen oder mit einem privaten Konditionstrainer auf die Saison vor. Wichtig sei, dass die Athleten nicht zu viel Zeit im Auto verbringen, sagt Trainer Loacker. Doch nicht nur deshalb trainieren die Ostschweizer in Filzbach. Ihnen gefällt auch die kleine, familiäre Gruppe. «Wir verstehen uns sehr gut», sagt Weber.

Obwohl er Wintersportler ist, mag er den Sommer. «Von Mitte Juli bis April trage ich Skischuhe», sagt er. «Da bin ich froh über die Abwechslung.» Eintönig wird es nicht. Das Programm erinnert an manchen Tagen beinahe an dasjenige eines Schullagers. Vor zwei Wochen spielten die Skirennfahrer Eishockey. Zwischendurch gehen sie immer mal wieder auf Velotouren, Biken oder Wandern. Wobei Letzteres vor allem auf flachen Wegen mehr Joggen als Spazieren ist. Die Trainingspläne passen sich an die Athleten an, verändern sich auch über die Jahre. Ein Spezialprogramm im Vorfeld der Olympischen Winterspiele, die im kommenden Februar in Südkorea stattfinden werden, gibt es jedoch nicht. «Wir versuchen jedes Jahr, das Maximum herauszuholen», sagt Konditionstrainer Loacker. Der Grossanlass ist auch unter den Athleten nur selten ein Thema. Dafür werden sie von Freunden oder Bekannten oft darauf angesprochen.

Zeit für Administratives – und das Open Air

Es ist kurz nach 12 Uhr. Weber nimmt seine Tasche. Im grossen Esssaal sitzen die Kinder bereits auf ihren Plätzen. Auch für die Skirennfahrer ist ein Tisch gedeckt. Suppe und Salat kommen in grossen Schüsseln. Danach gibt es Spaghetti mit Tomatensosse und dazu natürlich kalten Früchtetee aus Metallkrügen. Nach dem Essen setzt sich Weber draussen an die Sonne. Das Sportzentrum Kerenzerberg ist fast zu einem zweiten Zuhause für ihn geworden. Unter der Woche schläft er in einem der Einzelzimmer. «Das tut mir gut», sagt er. Zu Hause in Gossau ist er immer in Bewegung. Das Elternhaus ist bereits älter, da gibt es ständig etwas zu tun. Mal baut er einen Zaun, ein anderes Mal betoniert er.

In Filzbach hingegen findet Weber Ruhe – und Zeit für Administratives. Mit einem Schmunzeln bezeichnet er sich als Einzelunternehmer. Jeden Tag sitzt er ein bis zwei Stunden am Laptop, plant Termine, sucht Sponsoren und bringt seine Homepage auf den neusten Stand. Auch sonst hat er im Sommer mehr Zeit für Anderes. So war er vor zwei Wochen am Open Air St. Gallen. Die Tage in Filzbach sind jedoch gezählt. Bald geht es für ihn und die anderen Schweizer Abfahrer nach Zermatt und Saas Fee, wo der Schnee bereits auf sie wartet. «Ich habe Lust darauf, endlich wieder auf den Ski zu stehen», sagt Weber.