Von rostenden Venushügeln

Marco Tschirpke hat sich einen Namen gemacht als Vertreter jener Art von Humor, der sich einem erst durch aufmerksames Zuhören erschliesst. Das bestätigte sein Auftritt in Kreuzlingen.

Severin Schwendener
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Mario Tschirpke setzt Bildung voraus. (Bild: Severin Schwendener)

Mario Tschirpke setzt Bildung voraus. (Bild: Severin Schwendener)

KREUZLINGEN. Er sei doch nur das fünfte Rad am Einkaufswagen, stellte Marco Tschirpke bei seinem Auftritt im Theater an der Grenze in Kreuzlingen am Samstagabend fest. Es sind genau diese Bilder, mit denen er das Publikum im gutbesuchten Theater an der Grenze unterhielt. Subtil und alltäglich, dazu vorgetragen in seiner ruhigen Art, verraten sie dennoch unglaublich viel Scharfblick.

Und diesen Blick wirft Tschirpke auf die Gesellschaft, auf uns alle. Was er sieht, verarbeitet er zu kleinen Gedichten und Liedchen, zum Teil nur einzelnen Sätzen. Kurz sind sie alle, in Worte gefasste Bilder. Was Tschirpke macht, sind Wort-Collagen, und wie in einer Collage üblich müssen die einzelnen Bildfetzen nicht perfekt zusammenpassen. Dem Zuschauer erschliesst sich das vollständige Bild erst beim Betrachten des Gesamten aus Distanz.

«Scherze nur für mich»

Man muss zuhören können bei Tschirpke, nicht selten wird ein gerüttelt Mass an Bildung vorausgesetzt, sonst gehen Anspielung wie jene auf Catos wiederkehrenden Vorstoss «ceterum censeo» einfach an einem vorüber. Tschirpke nimmt das bewusst in Kauf, schliesslich sei es ein Irrglaube, dass es vor allem das Publikum sei, das auf seine Kosten kommen müsse. «Eine Reihe von Scherzen mache ich nur für mich», stellte er gleich von Beginn weg klar.

Doch das Publikum hielt offenbar mit dem in Berlin wohnhaften Brandenburger mit und unterhielt sich köstlich. Tschirpkes subtiler, jedoch nicht minder deutlicher Humor kam bestens an. Niemals bösartig, aber immer kritisch betrachtet er die Welt, in der wir leben; die Meinungen, die wir haben. Dass in Hotels mit Gewalt Wohnlichkeit erzeugt werden soll entgeht ihm ebenso wenig wie der gelegentlich ausser Kontrolle geratene Trend, Körperteile zu piercen. «Im Westen und im Osten die Venushügel rosten», singt er mit Unschuldsmiene und klimpert auf dem Klavier herum.

Jeder Ton sitzt

Doch was nach Klimpern aussieht, nach achtlos dahin gesagten Satzfetzen, ist in Wahrheit hoch professionell und bis in die letzte Silbe durchdacht. Jedes Wort, jeder Ton sitzt, und dass Tschirpke ausgebildeter Pianist ist, erscheint einem als selbstverständlich angesichts der Perfektion, mit der er seine Worte wählt.

Geradezu ein Sinnbild für das gesamte Programm war denn auch die Zugabe, die sich das Publikum mit langem Applaus verdiente. Untermalt von sanften Tönen singt Tschirpke: «Mutti, warum hast du dich liften lassen? Papa sucht dich schon…»