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Von Rebellinnen und Nachzüglern – die WM und ihre Folgen

Die Frauen-WM hat Rekorde gebrochen und neue Standards gesetzt. Und obwohl der Weltmeister derselbe ist, hat sich vieles verändert. Es dürfte der Anfang eines intensiveren Veränderungsprozesses sein. Was bleibt von diesem Turnier in Frankreich? Wohin geht es?
Sébastian Lavoyer
Megan Rapinoe nach ihrem Tor im WM-Spiel gegen die Niederlande. (Bild: Ian Langsdon, Lyon, 7. Juli 2019)

Megan Rapinoe nach ihrem Tor im WM-Spiel gegen die Niederlande. (Bild: Ian Langsdon, Lyon, 7. Juli 2019)

Die Party ist vorbei, das Feuerwerk abgefeuert, die blau-goldenen Konfetti auf dem heiligen Rasen des Stade des Lumières in Lyon sind längst weggeputzt. Die Weltmeisterinnen aus den USA haben gejubelt, getwerkt (ein kurzes Video von Torschützenkönigin Alex Morgan kursiert auf Social Media; eine Reaktion auf die dumme Frage von Star-DJ Martin Solveig an Weltfussballerin Ada Hegerberg bei deren Auszeichnung, ob sie twerken könne) und hoffentlich kaum geschlafen.

Die achte Frauen-WM in Frankreich hat Rekorde gebrochen, der Sport ist in neue Dimensionen vorgestossen. Aber was bleibt? Was haben wir gelernt? Was fehlt noch?

1. Fussball ist politisch – zum Glück

Megan Rapinoe ist eine Heldin, eine Ikone, eine Frau mit einer eigenen Meinung. Wenn sie keine Lust hat, ins «fucking» Weisse Haus zu gehen, dann sagt sie das. Unverblümt, direkt. Es ist ein Angriff auf Donald Trump. Dann schiesst sie gegen Fifa-Präsident Gianni Infantino, spricht ihm den Willen ab, den Frauenfussball wirklich fördern zu wollen. Gleichzeitig ist sie auch sportlich die grosse Figur (sie schoss fünf von acht US-Toren in der K.o.-Phase).

Lionel Messi meckert vielleicht gegen Schiedsrichter und Korruption. Aber eine Haltung, eine politische Meinung? Fehlanzeige. Vielleicht besser so, aber es würde auch dem Männerfussball guttun, hätte er ein paar Figuren, die über den Tellerrand hinausblicken und sich nicht verbiegen lassen. Überhaupt sind die Frauen authentischer – auch auf dem Platz. Fallsucht ist eine männliche Unsitte.

2. Liebe Frauen, ihr habt es in der Hand

Natürlich, Fussball ist männlich dominiert. Gerade in Europa. Das zu ändern, dauert Jahre. Aber wenn Ihr, liebe Frauen, anfangt eure Söhne, Freundinnen, Ehemänner und Grossmütter für den Frauenfussball zu begeistern, dann beschleunigt das den Prozess. Mit Sicherheit.

In Deutschland sind rund 30 Prozent aller Stadionbesucher Frauen. Für die Schweiz gibt es keine solchen Zahlen. Egal, wenn alle weiblichen FCB-Fans zum nächsten Spiel der FCB-Frauen jemanden mitbrächten, marschierten die plötzlich vor einer stattlichen Kulisse auf. Wetten, dass Sponsoren innert Kürze Schlange stünden?

3. Die Zukunft ist europäisch

Die USA sind Weltmeister geworden, zum vierten Mal insgesamt, zum zweiten Mal in Folge. Das ändert nichts daran, dass der Frauenfussball künftig immer stärker europäisch geprägt sein wird. Die ersten Profiligen gibt es schon, die Grossklubs sind aufgesprungen, die Sichtbarkeit wächst – die Entwicklung auf dem alten Kontinent ist so dynamisch wie nirgendwo sonst.

Es ist kein Zufall, dass sieben von acht Viertelfinalisten aus Europa kamen. Man verdient hier mehr. Fachwissen ist in Hülle und Fülle vorhanden. Technisch und vor allem taktisch sind die europäischen Teams längst besser als die Vorreiterinnen aus den USA. Mit der Professionalisierung geht werden die Europäerinnen auch im athletischen Bereich frappierende Fortschritte machen. Die Weltmacht USA ist in Bedrängnis.

4. VAR da was? Diskussionen bleiben

Ja, die Technik hilft. Aber sie hat auch ihre Tücken und Grenzen. Das hat uns diese Frauen-WM eindeutig vor Augen geführt. Lange Unterbrüche, ewige Nachspielzeiten wie bei England–Kamerun, Platzstreiks und Tränen – das bleibt von der Einführung des VAR bei den Frauen. Das liegt vor allem daran, dass die meisten Schiedsrichterinnen damit in ihrem Alltag nichts zu tun haben, also keine Übung haben. Anstatt zu weniger Diskussion zu führen, hat der Videobeweis für mehr gesorgt. War das wirklich ein penaltywürdiges Foul im Final? Ist es angemessen, eine Offsideposition, die von blossem Auge nicht zu erkennen ist, zu ahnden?

5. Das SRF hinkt hinterher

Wäre die Schweiz dabei gewesen, hätte das Schweizer Fernsehen mehr Spiele kommentiert übertragen, das ist klar. Aber die EM 2012 der Männer in Polen und der Ukraine hat das SRF komplett gezeigt – obschon die Schweiz nicht dabei war. Dafür wurde das Staatsfernsehen auch grossflächig kritisiert. In Sachen Studio hat die BBC einen Standard gesetzt, der die Schweizer Fernsehmacher alt aussehen lässt. Eine Moderatorin, drei Expertinnen – 11,7 Millionen Menschen schauten und hörten den vier Frauen zu, als England im Halbfinal den USA unterlag. Das SRF begleitete die wenigen kommentierten Spiele mit Moderator Paddy Kälin, Experte Andy Egli und Expertin Nora Häuptle. Es ist Zeit für die EM in zwei Jahren eine reine Frauenrunde aufzubauen. Eine machbare Zielsetzung.

Also, was bleibt von der Party? Der Kater oder die Erinnerung an einen Augenblick, wo etwas Grosses begann? Eine Frage, auf die jede Nation ihre eigenen Antworten geben kann, ja, muss.

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