Von Angst und Druck dominiert: Die Volleyballerin Julie Lengweiler über ihre Erfahrungen als Profi von Volero Zürich

Die 20-Jährige aus Gachnang erlebte eine bewegende Zeit im Starensemble des Zürcher Topclubs. Nun fährt sie im August mit dem Nationalteam an die EM.

Sarah Fäh
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Julie Lengweiler (Bild: Patrick Stoll)

Julie Lengweiler (Bild: Patrick Stoll)

Julie Lengweiler findet rückblickend auf ihre bisherige Karriere deutliche Worte:

«Um die Freude am Sport wiederzufinden, musste ich lernen, dass ich als Mensch auch ohne Volleyball voll okay bin.»

Die Thurgauerin wurde als grösstes Nachwuchstalent der Schweiz gehandelt und war bereits mit 16 Jahren Teil des Starensembles von Voléro Zürich. Ein Jahr später spielte sie schon im Nationalteam. Mit der Schweiz hat sie sich nun erstmals für eine EM qualifiziert. Die Karriere der 20-Jährigen scheint stetig aufwärts gegangen zu sein. Im Gespräch wird aber deutlich: Ganz so einfach, wie ihr Werdegang aussieht, war er dann doch nicht.

Karriereknick bei Voléro

Lengweiler begann ihre Karriere als Zehnjährige in Frauenfeld. Bereits zwei Jahre später erhielt sie ihr erstes Aufgebot für das Junioren-Nationalteam. Schon zu jenem Zeitpunkt war sie sich sicher, dass sie ihr Leben später auf das Volleyball ausrichten will. Beim NLB-­Team aus ­Aadorf machte sie mit guten Leistungen auf sich aufmerksam und bekam dadurch bereits mit 16 Jahren die ersten Angebote aus der NLA, unter anderem vom 13-fachen Schweizer Meister Voléro Zürich. Da Lengweiler in jener Zeit in Gachnang wohnte, in Zürich zur Schule ging und in Aadorf trainierte, war es naheliegend, dass sie zwei dieser Standorte zusammenlegte.

Sie wechselte zu Voléro, erhielt einen Fünfjahresvertrag und galt als grosse Nachwuchshoffnung. Beim Zürcher Club wehte ihr aber ein eisiger Wind entgegen. «Ich musste auf eine sehr harte Art und Weise lernen, was es bedeutet, als Profi in einem Topteam mit der Mentalität von Voléro zu spielen.»

Das Profidasein im Zürcher Verein entpuppte sich für sie als ein Leben, das von Druck und Angst dominiert wurde. Bei Niederlagen drohten Lohnkürzungen, Fehler wurden nicht toleriert. Lengweilers Entwicklung stagnierte, sie hatte Angst vor Fehlern, aus denen sie hätte lernen können und war plötzlich nicht mehr das grosse Talent.

«Da wurde es schwierig. Es kam dann das Gefühl, etwas falsch gemacht zu ­haben, da ich den Durchbruch nicht geschafft und somit die Erwartungen nicht erfüllt habe.»

Sie fiel in ein Loch, wusste nicht mehr, wer sie ohne das Volleyball noch war. In dieser Zeit musste sich die damals 18-Jährige stark darauf konzentrieren, warum sie diesen Sport überhaupt ausübt: Nicht des Ruhmes oder des Erfolges wegen, nicht um anderen zu gefallen – sondern für sich selbst. Weil es ihr Spass macht, sich jeden Tag zu verbessern und mit dem Team zu arbeiten. Sie begriff, dass die Philosophie von Voléro nicht mit der ihren übereinstimmte. So entschied sie sich, gemeinsam mit ihrer Familie, für einen Wechsel.

Inzwischen blickt Lengweiler mit Distanz auf die Zeit beim Topclub zurück:

«Ich war einfach noch zu jung für die bei Voléro gelebte Mentalität. In dieser Zeit habe ich jedoch auf mentaler und persönlicher Ebene viel gelernt».

Mit Neuchâtel UC hat Lengweiler einen Verein gefunden, der zu ihren Vorstellungen passt. Ausserdem hatte sie im vergangenen Jahr nach bestandener Matura wieder mehr Zeit für die Familie und um eine Verletzung auszukurieren. Trotzdem möchte sie im September ein Studium im Bereich Sozialwissenschaften, Politik und Medien/Kommunikation anfangen. «Ich brauche einen Ausgleich», so Lengweiler. Falls die Belastung von Studium und Volleyball aber zu gross werden würde, hätte sie auch kein Problem, ihre Ausbildung erstmal auf Eis zu legen und noch das eine oder andere Profijahr anzuhängen. Wenn es sich ergeben sollte, würde sie ausserdem gerne im Ausland spielen.

Topteams in Bedrängnis bringen

Mit dem Nationalteam steht Lengweiler ab dem 23. August die EM in Polen, Ungarn, der Slowakei und der Türkei bevor. Als erstes Schweizer Volleyballteam ist der Equipe im vergangenen Jahr die Qualifikation gelungen. Zwar war das Schweizer Team bereits 2013 an der EM vertreten, damals war es aber als Gastgeber automatisch für den Grossanlass qualifiziert.

Mit Russland und Deutschland hat die Schweiz zwei Topteams in ihrer Gruppe. Die Ausgangslage sieht Lengweiler realistisch:

«Der Traum wäre, eine Runde weiter zu kommen, was angesichts der starken Gegner in unserer Gruppe aber ein schwieriges Unterfangen wird.»

Dennoch möchte sie gerade gegen die starken Nationen einen guten Auftritt zeigen und diese in Bedrängnis bringen. Hauptsächlich gehe es aber dar­um, zu lernen und zu sehen, wie weit die Schweizer Equipe im Vergleich mit den absoluten Topteams schon ist.

Volleyball-EM 2019

Gruppe D:

Schweiz, Russland, Weissrussland, Slowakei, Deutschland, Spanien.

Spielplan:

Freitag, 23.08.19, 14.30: SUI – GER
Samstag, 24.08.19, 20.00: SUI – SVK
Sonntag, 25.08.19, 20.00: RUS – SUI
Dienstag, 27.08.19, 17.30: ESP – SUI
Donnerstag, 29.08.19, 18.00: SUI – BLR

Modus:

Die ersten vier Teams ziehen in die Achtefinals ein.