Vom Waisenhaus in die Kunstgalerie

WINTERTHUR. Als Maler war er ein Praktiker, und kaum einer beherrschte die Seidenmalerei wie er. Das Werk des Künstlers Fritz Preisig (1903–91) rücken ein Buch und eine retrospektive Verkaufsausstellung in der Galerie Zum Jakobskampf wieder ins Licht.

Christina Ehrensberger
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Idyll beim Fahrhof in Oberneunforn. (Bild: Fritz Preisig)

Idyll beim Fahrhof in Oberneunforn. (Bild: Fritz Preisig)

«Es ist fast ein Wunder», sagte der ehemalige Chefredaktor des «Landboten», Rudolf Gerber, in seiner Ansprache zur Eröffnung der Ausstellung. Mit dem Wunder meinte er den Werdegang des Künstlers Fritz Preisig. Als Halbwaise – sein Vater war gestorben und seine Mutter musste den ganzen Tag arbeiten – kam er in jungen Jahren in ein Heim im appenzellischen Schwellbrunn.

Geld fehlte für Malen als Beruf

Schon da gehörten Zeichnen und Malen zu seinen Lieblingsbeschäftigungen. Sein «Heimvater» – es gab auch zu jener Zeit Pädagogen mit Sozialkompetenz – erkannte die Intelligenz und künstlerische Begabung seines Zöglings und ermöglichte ihm den Besuch der Sekundarschule. Als es der Mutter finanziell besser ging, holte sie ihren Fritz zu sich nach Winterthur, wo er die Schule beendete.

Seinen ersten Batzen verdiente er, als er einem Pfarrer eine Zeichnung des Winterthurer Stadthauses verkaufte. Gerne hätte Fritz Preisig seine Leidenschaft zum Beruf gemacht, aber dafür fehlte ihm das Geld. So absolvierte er eine kaufmännische Lehre in der Brauerei Haldengut und blieb dort 30 Jahre lang als Buchhalter tätig.

Er heiratete, wurde Vater zweier Kinder und liess sich in Oberwinterthur nieder. Seine Frau unterstützte und förderte ihn zeitlebens. Preisig besuchte in der Freizeit Kurse für figürliches Zeichnen an der Kunstgewerbeschule Zürich. Er arbeitete sich durch Grundlagenwerke, um die Ölmalerei zu verstehen, besuchte Galerien und las Kunstbücher, um sich weiterzubilden.

Landschaften gehörten zu seinen Lieblingssujets; er bevorzugte Herbst- und Winterstimmungen. Preisig unternahm Ausflüge in die Umgebung, und viele Bilder sind auch im Kanton Thurgau entstanden. So malte er den Nussbaumersee und besonders die Thur in vielen Variationen.

«Damengeschenke»

Als seine Kinder flügge wurden, wagte Fritz Preisig den Weg in die Selbständigkeit. Nicht zuletzt, weil seine Werke, die Landschaftsbilder, aber auch die fast fotografischen Bilder von Stadtszenen bei Oskar Reinhart, dem führenden Kunstsammler der Stadt Winterthur, grossen Anklang fanden. Preisig malte auch Blumenbilder, hübsche Stillleben in kleinen Formaten. Es seien «Damengeschenke», mokierten sich die Mitglieder der Künstlergruppe Winterthur über Preisig. Aber diese Bilder waren beliebt und brachten ihm vor allem ein sicheres Einkommen. Später machte das Ehepaar Preisig Reisen nach Südfrankreich, Marokko oder in die USA. Seine Bildformate wurden grösser. Doch seinem Stil blieb er treu, und ebenso blieb er, wie der Laudator erwähnte, stets fleissig und bescheiden – ein Buchhalter und Künstler.

Um das Lebenswerk des Künstlers zu würdigen, hat Jakob Wirz ein Buch herausgegeben; die Beiträge zeigen das Künstlerleben aus der Sicht von Spezialisten, Schülern und Freunden.

• Fritz Preisig. Mit Beiträgen von Barbara Heuzeroth-Furrer, Jürg Bischofberger, Jakob Wirz, Bruno Aemisegger. Mattenbach, Winterthur 2013, 140 S., zahlr. Abb., 48 Fr. • Galerie zum Jakobskampf, Obergasse 8, Winterthur; bis 31.1. • Privatsammlung Jürg Bischofberger: Besichtigung und Führung nach Anmeldung: Kunsthaus an der Strehlgasse 10, Elsau