Vom Umgang mit der Sprache

Wenn man in Estland jemanden fragt, wie viele englische Wörter man im täglichen Wortschatz findet, hört man, dass dieser Wert gegen Null geht. Es wird nicht als toll erachtet, alles zu «verenglischen».

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Musikerin Mari Pokinen singt in ihrer Muttersprache Estnisch. (Bild: pd)

Musikerin Mari Pokinen singt in ihrer Muttersprache Estnisch. (Bild: pd)

Wenn man in Estland jemanden fragt, wie viele englische Wörter man im täglichen Wortschatz findet, hört man, dass dieser Wert gegen Null geht. Es wird nicht als toll erachtet, alles zu «verenglischen». Man spricht nicht davon, einen Flug zu canceln oder shoppen zu gehen, nein, nicht mal das Wort «cool» wird oft verwendet.

Die meisten jungen Leute sind stolz auf ihre Muttersprache: Während der Besatzung war man gezwungen, in Russisch zu kommunizieren. Jetzt, seit dem Fall des Eisernen Vorhangs, können die Esten endlich ihre Sprache sprechen. Kaum ein Unternehmen hier gestaltet seine Werbesprüche in Englisch. Auf Plakaten, im Fernsehen, in der Zeitung – es wird Estnisch getextet. Die möglichen Kunden sollen verstehen, worum es geht, welches Produkt beworben wird.

Sprache weckt Emotionen

Nicht nur im Alltag wird Estnisch benutzt, auch in der Musik findet man viele Künstler, die nur in ihrer Muttersprache singen. Auch wenn damit der Markt, auf dem sie ihr Album veröffentlichen können, stark eingeschränkt wird.

Ich konnte die Sängerin Mari Pokinen auf der Bühne erleben. Sie singt ausschliesslich Estnisch. Meistens über Liebe, Freundschaft, über das, was sie bewegt. Eine Art Volksmusik. Viele junge Menschen scheinen es zu mögen: Das Konzert war ausverkauft. Während der Lieder haben viele Menschen geschmunzelt, man sah ihnen die Rührung an. Wenn ein Musiker in einer Fremdsprache singt, baut er automatisch Barrieren auf. Das Publikum kann ihm nur schwer folgen.

Estland als Vorbild

Sprache ist Identität, Sprache ist Kultur, Sprache ist aber auch Freiheit, Mittel zur Distinktion. Wie ist unser Verhältnis zur Muttersprache? Viele Leute verwenden überall Anglizismen, niemand bemüht sich darum, das eigentliche, deutsche Wort zu verwenden. Warum gerade Englisch so angesagt ist, verstehe ich nicht wirklich. Es könnte ja auch Französisch sein, oder Russisch, oder warum nicht Suaheli? Dann würde aus «Hi!» plötzlich «Jambo». Klingt schön. Aber es wäre immer noch nicht unsere Muttersprache.

Weshalb verstecken wir uns hinter dieser Sprache, die wir nicht fehlerfrei sprechen können? Weshalb stehen wir nicht dazu, deutsch zu sprechen, wie einst Goethe, Schiller, Wagner oder wie es Peter Stamm auch tut? Bei der Recherche für diese Kolumne stiess ich auf ein Interview von Jil Sander aus dem Jahre 1996: Die Satzstruktur ist zwar deutsch, aber beinahe jeder Begriff ein englischer. Der Verein Deutsche Sprache e. V. vergibt seither jährlich einen Preis für besonders bemerkenswerte Fehlleistungen im Umgang mit der deutschen Sprache. Es steht also tatsächlich schlimm um sie.

Warum nehmen wir uns nicht ein Vorbild an anderen Nationen wie Estland und versuchen, wieder vermehrt deutsch zu sprechen? Denn, sind wir ehrlich, keiner will wirklich hören, wenn man mit starkem, deutschem Akzent Englisch spricht, nur weil es so angesagt ist.