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Vom Traum, mit den Grossen zu spielen: Sandro Ehrat will bis 2021 zu den besten 100 Tennisspielern gehören

Der 28-Jährige kann mit seiner Familie vom Tennis kaum leben. Dennoch hat er sich nochmals für dieses Leben entschieden.
Raya Badraun
Sandro Ehrat mit Freundin Simona Messora und Sohn Liam in Schaffhausen. (Bild: Michel Canonica)

Sandro Ehrat mit Freundin Simona Messora und Sohn Liam in Schaffhausen. (Bild: Michel Canonica)

Als Sandro Ehrat in Österreich um den Turniersieg spielte, war seine Verlobte auf einem Spielplatz. Dieser befand sich auf einer leichten Anhöhe. Von dort aus sah Simona Messora auf den Tennisplatz. Sie hörte den Schiedsrichter und die Zuschauer. Waren sie leise, freute sie sich. Denn die meisten waren nicht wegen Ehrat da, sondern wegen seines Gegners, einem Österreicher. Am Ende setzte sich Ehrat durch. Ein Mann bemerkte Messoras Freude, gratulierte und sagte zum Abschied: «Viel Spass beim Geldausgeben.»

Simona Messora erzählt diese Geschichte an einem Augustmorgen in einem Schaffhauser Café. Sie sitzt neben Sandro ­Ehrat, während Sohn Liam mit Autos und Plastikfiguren spielt. Sie ärgert sich noch immer über diesen Spruch:

«Viele haben ganz falsche Vorstellungen davon, wie das Leben als Tennisspieler aussieht»

Mit dem Leben eines Roger Federers hat Sandro Ehrats Alltag zumindest nichts zu tun, auch wenn beide in der ATP-Weltrangliste aufgeführt sind. Der Schaffhauser ist aktuell die Nummer 289 der Welt und der viertbeste Tennisspieler des Landes. Zuletzt hat er einige kleinere Turniere gewonnen. Zum Geldausgeben für schöne Dinge, gutes Essen kommt er jedoch kaum. Denn dafür ist nach einem Turnier fast nichts mehr übrig.

Plötzlich Trainer statt Spieler

Für den Triumph am ITF- ­Futures-Turnier in Österreich erhielt Ehrat etwa 1500 Franken. Damit bezahlte er die Anfahrt mit dem Auto, die Übernachtung in einem Apartment, das Essen und das Bespannen des Schlägers. Dazu kommt die Wohnung in Neuhausen. Und schon ist das Geld ausgegeben.

Ehrat ist sehr gewissenhaft, er behält jede Quittung, schreibt alle Ausgaben auf. Er komme etwa eben aus, sagt der 28-Jährige. Die genaue Abrechnung mache er dann Ende Jahr. Das Leben als Tennisspieler auf dieser Stufe ist teuer. Das ist auch der Grund, warum Ehrats Karriere bereits einmal geendet hatte. Das war 2016, als Sohn Liam auf die Welt kam. Die Geburt hat viel verändert. Vorher war Ehrat nur für sich verantwortlich und wohnte noch bei den Eltern, nun musste er eine kleine Familie ernähren.

Das wäre damals mit seinen Aufritten auf dem Tennisplatz nicht möglich gewesen. Also hörte er auf, internationale Turniere zu spielen, und wurde Tennislehrer. Den ganzen Tag stand er, der nie eine Ausbildung absolviert hatte, auf dem Platz. Er gab acht, neun, zehn – manchmal sogar dreizehn Unterrichtsstunden. «Ich kann schlecht Nein sagen», sagt er entschuldigend.

Daneben war er Sparringpartner für Belinda Bencic, Viktorija Golubic und Martina Hingis. Und am Wochenende spielte er Interclub. Spät am Abend kam er dann müde zu seiner Freundin und dem kleinen Sohn nach Hause.

«Was, wenn ich weiter­gemacht hätte?»

Für Ehrat war die Sportkarriere damals beendet, kein Thema mehr. Und trotzdem hat er ständig nachgeschaut, was andere Spieler machen, frühere Gegner etwa oder Gleichaltrige. «Was, wenn ich weitergemacht hätte?», fragte er sich manchmal. «Wo wäre ich dann?» Es war ein Gefühl, das ihn verfolgte, nicht mehr losliess. Seine Freundin gab ihm schliesslich einen Schubs. «Er war auf dem Weg, seine besten Jahre als Tennislehrer zu ­verbringen», sagt Simona Messora.

«Was, wenn er es später bereuen und ewig diesem Traum nachhängen würde?»

Im vergangenen Sommer schaltete Ehrat seine Homepage auf und verfasste ein Sponsorendossier. Er rief eine Firma nach der anderen an, bat um finanzielle Unterstützung. Manche wiesen darauf hin, dass sie nur Mannschaftssportarten unterstützen, andere fragten nach dem Alter. «So alt?», sagten sie dann und erklärten, dass sie lieber den Nachwuchs fördern wollen.

Am Ende fand Ehrat dennoch einige Unterstützer – auch wenn es mehr sein könnten. Ohne Sponsoren, das betont Ehrat, wäre das Projekt gescheitert, der Traum geplatzt. Doch so begann er im vergangenen Winter seine zweite Karriere. Seither reist die kleine Familie von einem Tennisplatz zum nächsten.

Es ist ein steiniger Weg. Um Turniere auf der zweithöchsten Stufe, sogenannte Challenger, bestreiten zu können, musste er sich zuerst auf der ITF-Tour beweisen. Dort sind die Platzverhältnisse nicht immer die besten. Es kam schon vor, dass er am Abend spielte, danach hungrig ins Clubrestaurant ging – und nichts bekam, weil sie Küche bereits geschlossen hatte. Die Turnierplanung ändert ständig. Erst zweieinhalb Wochen vorher erfährt er, ob er es ins Hauptfeld eines Turniers geschafft hat und nach Italien oder in die USA reisen wird.

Man könnte sich darüber ­ärgern. Das Paar hat sich jedoch dafür entschieden, das Schöne zu sehen. Am Abend unternehmen sie Spaziergänge, nach dem Training gehen sie an den Strand oder besuchen Natur­pärke, wo Liam spielen kann. Und da sind auch die Erfolge. In Tschechien besiegte Ehrat den Lokalmatador Jiri Vesely mit 3:6, 6:3, 6:4. Einen Monat später gewann dieser in Wimbledon gegen Alexander Zverev, die Nummer sieben der Welt – und scheiterte erst in der dritten Runde. «Das hätte auch ich sein können», sagt Ehrat, der auch für das Schweizer Davis-Cup-Team im Einsatz steht. «Es ist alles so nah beieinander.»

Mehr Druck, mehr Aufmerksamkeit

Ehrat hat sich einen Dreijahresplan gemacht. Bis 2021 will er zu den besten 100 Tennisspielern der Welt gehören. Er träumt von den Grand-Slam-Turnieren, von New York und Australien. Um diesem Ziel näher zu kommen, fehlen ihm noch Erfolge an ­grösseren Turnieren. Dieses Jahr spielte er in Gstaad, verlor jedoch in der ersten Runde. Er sei nervöser gewesen als sonst. Da waren Kameras, mehr Druck und Aufmerksamkeit. An die grosse Bühne muss sich Ehrat noch gewöhnen.

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