Eishockey
Vom Hockey-Unternehmen zur Gastro-Wohlfühloase: Der SC Bern verliert das Sportliche aus den Augen

Der SC Bern hat unter Manager Marc Lüthi die Orientierung verloren – inzwischen halten sogar die Fans eine Kabinenpredigt.

Klaus Zaugg
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Obersportchef Raeto Raffainer gibt dem Neuaufbau viel Zeit.

Obersportchef Raeto Raffainer gibt dem Neuaufbau viel Zeit.

Bild: Anthony Anex/Keystone

Einfach nur sagen, was ist. Und wir verstehen den SC Bern. Freitag, 21. Oktober 2011. Der SCB hat soeben gegen die ZSC Lions in einer intensiven Partie 1:2 n. V. verloren. 15653 Fans sind da. Die Lage ist keineswegs besorgniserregend. Der SCB hat auf Rang 5 komfortable 22 Punkte Reserve auf den 12. Platz. Aber nach dem Spiel stürmt Marc Lüthi aus der VIP-Loge schnurstracks in die Kabine hinunter und feuert Trainer Larry Huras. Seine Begründung: «Das Hockey, das er spielen lässt, ist zu wenig spektakulär.» Im Frühjahr ist der SCB im Final, ein Jahr später erneut Meister.

Dienstag, 26. Oktober 2022. Der SCB hat soeben gegen Servette mit einer kläglichen Leistung in einem kläglichen Spiel 3:2 n. V. gewonnen. Die Lage ist wirtschaftlich wie sportlich beängstigend: Gerade noch 12723 Fans sind offiziell gekommen. Rang 11 und bloss 3 Punkte Reserve auf den 12. Platz. Marc Lüthi lässt sich nicht blicken. Trainer Johan Lundskog ist unbestritten. Aber in der Kabine haben die Fans am Vortag gepredigt. Untersportchef Andrew Ebbet erzählt, das sei sehr beeindruckend gewesen.

«Da waren Jungs mit Tattoos der SCB-Meisterdaten dabei, die haben richtig taff ausgesehen.»

Uiuiui!

Fakten, die den Niedergang des einstmals führenden Hockeyclubs zeigen. Es hat Jahre gedauert, bis aus dem bürgerlichen Bern eine rot-grüne Wohlfühloase geworden ist. Im Sport laufen historische Prozesse viel dynamischer und schneller. Aber die Entwicklung beim SC Bern vom leistungsorientierten Sportunternehmen zu einer Gastro- und Werbefirma mit angegliederter Hockey-Abteilung hat die gleiche Ursache: Arroganz. Die Bürgerlichen haben ihre Macht in Bern verloren, weil sie diese Macht für gottgegeben hielten. Als ans Licht kam, dass sie ihre Benzen auf Staatskosten reparieren liessen, erschütterte ein politisches Beben Kanton und Stadt. Der SCB hat unter der Führung von Marc Lüthi zuletzt den Erfolg – zwischen 2016 und 2019 drei Titel in vier Jahren – für gottgegeben betrachtet. Seither wird die Sportabteilung für allerlei Schabernack missbraucht. Statt um Sport geht es um die Aussenwahrnehmung und das Wohlleben der Administration. Toll, dass man zwischendurch einer Sportchefin eine Chance gegeben hat. Toll, dass Mark Streit im Verwaltungsrat sitzt. Toll, dass Roman Josi Mitbesitzer geworden ist. Toll, dass man sich einen Ober- und Untersportchef leistet. Und ist es denn nicht toll, dass am letzten Montagabend um 18 Uhr 16 Fans in der Kabine den Spielern ihre Meinung geigen durften?

Als noch der grosse Kari Jalonen als Trainer das Kommando hatte, da hätte niemand auch nur daran zu denken gewagt, Fans in die Kabine einzuladen. Der neue basisdemokratische und nicht mehr leistungsorientierte Kurs verschiebt natürlich die Optik. War einst der Titel das Ziel, dem alles Denken und Trachten untergeordnet wurde, so werden nun Partien gegen den Zweitletzten (Servette), Langnau (am Freitag) und Schlusslicht Ajoie (am Samstag) zu einer grossen Herausforderung aufgebauscht. Und politisch schlau hat Obersportchef Raëto Raffainer fabuliert, für den Neuaufbau brauche man drei Jahre. Nachdem der Neuaufbau nach zwei 9. Schlussrängen eigentlich schon bald drei Jahre andauert. Es ist nicht ganz sicher, ob die zahlenden Zuschauenden und die Sponsoren die Umwandlung des Sportunternehmens SC Bern in eine Gastro-Wohlfühloase mittragen werden.

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