Vom Helfer zum Sieger

Daniel Good
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Ein unvergesslicher Moment: Erich Mächler gewinnt nach 294 Kilometern solo in Sanremo. (Bild: Fotoreporter Sirotti (Sanremo, 21. März 1987))

Ein unvergesslicher Moment: Erich Mächler gewinnt nach 294 Kilometern solo in Sanremo. (Bild: Fotoreporter Sirotti (Sanremo, 21. März 1987))

Premiere Morgen findet Mailand–Sanremo zum 108. Mal statt. Vor 30 Jahren war Erich Mächler der erste Schweizer Sieger im italienischen Monument des Radsports.

Daniel Good

Es kommt ihm immer noch vor, als sei es gestern geschehen. Dabei sind schon einige Jahrzehnte vergangen, seit Erich Mächler als erster Schweizer den Radklassiker Mailand–Sanremo gewonnen hat. Am 21. März 1987 setzte sich der als Aussenseiter gestartete Luzerner solo durch. «Es war unbeschreiblich schön, ein so bedeutendes Rennen gewonnen zu haben. Ein Bubentraum ging in Erfüllung», sagt der heute 56-jährige Mächler.

Immer wenn es März wird, kommen die Glückgefühle von 1987 besonders stark zurück. «Der Triumph bleibt unvergesslich», sagt Mächler. Der Sieg fühlte sich besonders gut an, weil Mächler damals für die starke italienische Sportgruppe Carrera fuhr. Die Leader waren Stephen Roche, der 1987 die Tour de France für sich entschied, und Guido Bontempi. Mächler war als Helfer eingeteilt. «Einer von uns musste natürlich immer in den Fluchtgruppen sein.»

Entscheidung an der finalen Steigung

So befand sich Mächler, der 1986 schon eine Etappe der Tour de France gewonnen hatte, rund 20 Kilometer vor dem Ziel in einer Spitzengruppe mit einem guten Dutzend Fahrer. Am Poggio di Sanremo, der Schlusssteigung des damals 294 Kilometer langen Rennens, griff Allan Peiper an. Mächler konterte, schloss zum Australier auf und liess diesen bald stehen. «Ich fuhr am Poggio einfach mein Tempo.» Der Poggio di Sanremo ist keine furchteinflössende Steigung. Aber nach fast 290 Kilometern ein Anstieg mit Tücken, zumal die Profis mit einer sehr grossen Übersetzung hinauffahren. Ohrhörer mit Informationen aus dem Teamauto gab es noch nicht. «Zum Glück, sonst wäre ich ganz nervös geworden», sagt Mächler. Er erreichte den höchsten Punkt des Poggio mit einigen Sekunden Vorsprung. Er hatte das Glück, dass sich an der Spitze des Verfolgerfeldes ein Sturz ereignete.

In der fünf Kilometer langen Abfahrt nach Sanremo riskierte Mächler einiges, «aber nicht zu viel, denn einen Sturz wollte ich unbedingt vermeiden». Dann kamen die grössten Momente seiner Karriere. Mächlers Vorsprung war gross genug. Er konnte die Arme schon einige Meter vor der Ziellinie zum Jubeln vom Lenker nehmen. Er siegte sechs Sekunden vor dem Belgier Eric Vanderaerden, dem Gewinner der Flandern Rundfahrt von 1987.

Dass er vor 30 Jahren als erster Schweizer in Sanremo triumphierte, ist Mächler auch heute noch egal. Aber dass er jenes Rennen für sich entschied, von dem er schon als Kind in den Ferien im Tessin vor dem Fernseher fasziniert war, beschert ihm immer noch Glücksgefühle.

Man kennt ihn noch

Seit dem Rücktritt 1996 schaut sich Mächler Mailand–Sanremo und andere wichtige Rennen am Fernsehen an. Er wollte als Zuschauer auch schon live bei Mailand–Sanremo dabei sein, «aber im Fernsehen sieht man viel mehr als an der Strecke». Mächler wohnt in Oberkirch am Sempachersee und arbeitet für Coca Cola. Auch heute wird er häufig auf den März 1987 angesprochen. «Erstaunlicherweise durch alle Jahrgänge.» Es freut ihn. Und es kommt ihm wieder vor, als sei es erst gestern gewesen.