Vom Big Apple nach Mostindien

Nur eine Station vom Empire State Building entfernt, lebt Gidalthy Rodriguez (26) in ihrem Apartment. Dieses steht derzeit aber leer, denn die New Yorkerin macht gerade Ferien in Kreuzlingen.

Stephanie Martina
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Ein ungehinderter Blick nach oben: Die New Yorkerin Gidalthy geniesst es, dass in Kreuzlingen keine hohen Bauten den Himmel verdecken. (Bild: Melanie Kürsteiner)

Ein ungehinderter Blick nach oben: Die New Yorkerin Gidalthy geniesst es, dass in Kreuzlingen keine hohen Bauten den Himmel verdecken. (Bild: Melanie Kürsteiner)

KREUZLINGEN. Ein «Wow» jagt das nächste, wenn Gidalthy Rodriguez von ihrem Leben erzählt. Die 26-Jährige lebt in der Weltmetropole New York im Stadtbezirk Manhattan. Ihr Apartment ist eines von vielen in einem riesigen Wohnkomplex mitten im Stadtviertel Chelsea. Nur einen Block weiter, tummeln sich fanatische «Sex and the City»-Fans im Restaurant Buddakan, das mehrmals als Drehort diente. Etwas weiter, aber für New Yorker Verhältnisse nur einen Katzensprung entfernt, befinden sich der Madison Square Garden sowie das Empire State Building.

Tschüss NYC, hallo Kreuzlingen

Gidalthy arbeitet in einer Anwaltskanzlei, doch derzeit hat sie einige Tage frei. Eine gute Gelegenheit, wieder einmal ihre Freundin Melanie Kürsteiner in Kreuzlingen zu besuchen. «Wir lernten uns vor einiger Zeit in New York kennen. Seither versuchen wir in Kontakt zu bleiben, auch wenn es bei der Distanz und der Zeitverschiebung nicht leicht ist, eine Freundschaft aufrechtzuerhalten», sagt die New Yorkerin.

Zum zweitenmal tauscht Gidalthy nun ihren gewohnten Grossstadtdschungel für zehn Tage gegen eine ruhige Wohnsiedlung mitten in Kreuzlingen. Von Enttäuschung ist jedoch keine Spur, im Gegenteil: «Ich geniesse es, endlich einmal etwas mehr vom Himmel zu sehen. All die hohen Gebäude in New York verdecken den Himmel und die vielen Lichter hindern einem daran, nachts die Sterne zu sehen.»

Doch nicht nur der freie Blick nach oben habe es ihr angetan, sondern auch die Architektur. «Im Thurgau gibt es sehr alte Gebäude aber auch ganz moderne. In New York gibt es hingegen fast nur neue Bauten, da findest du keine jahrhundertealten Gebäude.»

Grenze passieren leichtgemacht

Am meisten beeindruckt Gidalthy aber, dass Kreuzlingen direkt an der Grenze zu Deutschland liegt und man dadurch problemlos von einem Land ins nächste spazieren kann. «Da wo ich wohne, gibt es weit und breit keine angrenzenden Länder. Und auch wenn da welche wären, gäbe es umfangreiche Kontrollen, bevor man einreisen könnte. Alles wäre komplizierter als in Europa.»

Die Möglichkeit, Grenzen ungehindert zu passieren, nutzt sie auch sogleich: Während ihrer zehntägigen Ferien macht Gidalthy Ausflüge nach Österreich und Deutschland und verbringt gar einige Tage in Paris. «Ich mag es, neue Städte zu entdecken und geniesse es, landestypische Gerichte zu essen. Crêpes in Paris, Würste in Deutschland und natürlich Rösti in der Schweiz. Ein köstliches Gericht!»

Traditionen mehr würdigen

Amerikaner seien immer in Eile, ständig «on the go», erklärt Gidalthy. «Mir fällt auf, dass ihr im Thurgau viel entspannter seid. Besonders New Yorker leben im Eilzugstempo. Alles muss schnell gehen: denken, gehen, reden. Wir sollten uns ein Beispiel an Euch nehmen und alles etwas langsamer und gelassener angehen, um den Moment mehr zu geniessen», findet Gidalthy.

Ausserdem täte es den Amerikanern gut, Geschichte und Tradition etwas mehr zu würdigen. «Ihr Schweizer scheint grossen Wert auf Tradition und Kultur zu legen. Das ist schön», sagt sie. Insbesondere in der Weihnachtszeit. Es sei toll, dass man sich in der Schweiz auf das Wesentliche konzentriere. Auf die Familie, auf Menschen, die einem wichtig sind, und auf Traditionen. «Ich glaube, wir Amerikaner kümmern uns weniger um Traditionen, es geht viel mehr darum, Geschenke zu kaufen. Gerade New Yorker sind konsumorientiert. Sie sehen die Weihnachtszeit als einen Grund, um shoppen zu gehen und sich die neusten Produkte zu kaufen. Wir vergessen dabei, worum es an Weihnachten wirklich geht», bedauert sie.

Gidalthy ist nicht glücklich mit diesem Wandel. Ging es nach ihr, sollte es eine Zeit der Besinnlichkeit sein und nicht eine Zeit, in der man möglichst viel Geld ausgingt.

Shoppen zu jeder Zeit

Doch auch Schweizer könnten von Amerikanern lernen, findet Gidalthy. In Amerika würden Menschen mit unterschiedlicher Nationalität, Kultur und Religion nebeneinander leben. «Das macht Amerika so speziell. Wir alle lernen voneinander und schätzen die Vielfalt unserer Gesellschaft. Daran könnten sich europäische Staaten ein Beispiel nehmen», sagt sie. Und auch die Läden könnten länger geöffnet sein. «Das ist seltsam für mich, wenn alles so früh schliesst. Daheim hat alles geöffnet, egal zu welcher Zeit ich ausgehe.»