Vollgas auf dem Band

NOTTWIL. Marcel Hug will Gold an den Paralympics und trainiert hart dafür. Ralf Rüthemann (Text) und Donato Caspari (Fotos) sind Zeugen.

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Paul Odermatt bespricht mit Marcel Hug die Übungen auf dem Laufband. (Bild: Donato Caspari (Donato Caspari))

Paul Odermatt bespricht mit Marcel Hug die Übungen auf dem Laufband. (Bild: Donato Caspari (Donato Caspari))

«Genau wie jeder andere auch»: Der Thurgauer Rollstuhlsportler Marcel Hug braucht morgens nicht etwa länger als Nichtbehinderte, um sich für den Tag parat zu machen. Im Gegenteil, mit seinem Rollstuhl fährt er den Fussgängern davon, und das erst noch mit Lockerheit. Dies beweist er in der grossen Eingangshalle im Paraplegiker-Zentrum in Nottwil, als er sich auf den Weg ins morgendliche Training macht.

Dem Pfyner fällt es schwer zu sagen, was seine Lieblingstrainingseinheit ist. «Es hat alles seine Vor- und Nachteile. Bei schönem Wetter bin ich natürlich gerne draussen auf der Bahn», sagt Hug mit ruhiger Stimme. Auf der Strasse trainiert er weniger gerne. «Das ist halt einfach nicht ganz ungefährlich, man muss sich immer sehr konzentrieren.» Im Winter kommen Bahn- und Strassentraining aber ohnehin nicht in Frage. Deshalb rollt Hug den Flur entlang in Richtung medizinisches Leistungszentrum, wo ein Laufband steht. Sein persönlicher Coach Paul Odermatt kommt zu Fuss nach, allerdings nicht halb so schnell wie der Thurgauer.

Training mit Highspeed-Kamera

Es ist ein etwas spezieller Trainingstag. Beat Fäh, Schweizer Nationaltrainer der Rollstuhl-Leichtathleten, kommt ebenfalls vorbei, um Hug mit einer Highspeed-Kamera zu filmen. «Das ist eine Premiere, das haben wir vorher noch nie gemacht», sagt Fäh. Die Highspeed-Kamera soll Aufschluss über die genauen Bewegungsabläufe Hugs geben, um sein Training optimieren zu können. Sobald der Rennrollstuhl schnurgerade auf dem Laufband plaziert ist, nimmt Hug Platz und lässt sich Anweisungen geben. Die Kameras um ihn herum – eine oben, eine vorne und eine zu seiner linken Seite – beachtet er nicht. Er blickt stets geradeaus und verzieht dabei, zumindest bei den ersten paar Übungen, kaum eine Miene. Hug muss verschiedene Geschwindigkeiten austesten und bringt das Laufband bei der Hochgeschwindigkeitsübung an seine Grenzen: «Jetzt habe ich 40 Kilometer pro Stunde erreicht, mehr ist auf diesem Laufband nicht möglich», sagt Hug und ringt nach Luft. Eine solche Geschwindigkeit erreicht er auf der Bahn allerdings kaum. «Dort ist der Widerstand des Bodens und der Luft ein ganz anderer», erklärt Hug, «dann komme ich höchstens auf 36 Kilometer pro Stunde.» Zwischen den Übungen, die sich in der Geschwindigkeit und Dauer unterscheiden, reicht Paul Odermatt Hug jeweils ein Tuch, mit dem sich der Thurgauer den Schweiss von der Stirn abwischt. Auch an die Wasserflasche gelangt Hug nur mit Hilfe seines Trainers.

Ein Hug, der die Nerven verliert?

Nach den Aufnahmen mit der Highspeed-Kamera kümmert sich Paul Odermatt wieder alleine um Hug. Er stützt sich auf die Stange neben dem Laufband und bespricht etwas mit dem Sportler. Es sieht sehr vertraut aus, ähnlich wie Vater und Sohn. Die beiden kennen sich schon seit 20 Jahren. Danach folgen weitere Übungen auf dem Laufband, die den Thurgauer teilweise dazu bringen, sein Gesicht qualvoll zu verzerren.

Odermatt trainierte Hug bereits, als er zehn Jahre alt war, und findet nur gute Worte für den Leistungssportler: «Er ist immer sehr souverän und lässt sich von Enttäuschungen nicht zurückwerfen», sagt Odermatt. Zwar zeige Hug nach schlechten Leistungen, dass er enttäuscht ist, doch er könne sehr gut damit umgehen und gleich wieder nach vorne blicken. Gibt es überhaupt einen Marcel Hug, der mal komplett seine Nerven verliert? «Ja, den gibt es dann, wenn ich Gold an den Paralympics gewinne.» Dann würde er bestimmt ausflippen, wie Hug sagt. «Ansonsten gibt es natürlich schon auch viele Sachen im Alltag, über die ich mich sehr freue. Aber im grossen und ganzen bringt mich nicht allzu viel aus dem Konzept.»

Penne statt Riesencrevetten

Zu Mittag isst Hug in der Kantine des Paraplegikerzentrums, an einem Tisch neben seinem Coach. Er hat die Wahl zwischen Riesencrevetten mit Tofu und einer Portion Penne mit Tomatensauce und Speckwürfeli. Der Thurgauer entscheidet sich für die Portion Penne, die nicht übertrieben gross ist. Auch ein gemischter Salat gehört dazu.

Nach dem Essen bleibt er nicht länger als etwa fünf Minuten am Tisch. Ins Nachmittagstraining in einem Fitnesscenter in Sursee fährt Hug alleine mit dem Auto und trainiert dort etwas länger als eine Stunde alle Muskeln seines Oberkörpers. Auch hier kommt Hug ins Schwitzen, jedoch nicht so stark wie auf dem Laufband. Er zieht verschiedene Gewichte hoch und drückt Stangen auf die Seite. Nach dem Training und einer Verschnaufpause antwortet er immer noch mit der gleichen ruhigen Stimme auf die Fragen.

Grosse Pläne hat er für den späten Nachmittag und Abend noch nicht: «Ich muss oft noch ziemlich viel Administratives erledigen», sagt er. Dazu gehören beispielsweise die Webseite mit News auffüllen oder Buchhaltung. Einmal pro Woche geht er zur Regeneration ins Dampfbad und in die Sauna, um sein Immunsystem zu stärken. «Ich bin im Winter oft erkältet.» Zurzeit geht er auch regelmässig in die Massage.

Musik, Kino, Brüder

Hat Marcel Hug mal eine freie Minute, hört er gerne Musik, schaut fern und trifft Leute. Seine Wohnung ist in Neuenkirch, direkt neben Nottwil. Zwei seiner Brüder wohnen ganz in der Nähe und der dritte auch nicht allzu weit weg, nämlich in Luzern. Einer arbeitet sogar als Orthopäde im Paraplegikerzentrum.

Einen strikten Ernährungsplan gibt es für Hug nicht. «Aber ich schaue schon, dass ich mich gesund ernähre.» Trotzdem: Ein Besuch bei McDonald's kommt auch ab und zu vor, was ihn aber nicht davon abhält, entschlossen auf die Goldmedaille an den Paralympics hinzuarbeiten.

Marcel Hug beim Krafttraining in einem Fitnesscenter in Sursee. (Bild: Donato Caspari (Donato Caspari))

Marcel Hug beim Krafttraining in einem Fitnesscenter in Sursee. (Bild: Donato Caspari (Donato Caspari))

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