VOLLEYBALL: Zu gut für diese Liga

Morgen steht Volley Amriswil gegen Näfels im Cupfinal. Sébastien Steigmeier, der Topskorer der Amriswiler in dieser NLA-Saison, hat massgeblich zu diesem Erfolg der Thurgauer beigetragen.

Philipp Wolf
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Sébastien Steigmeier ist aktuell einer der besten Schweizer Volleyballer. Mit Amriswil will er morgen den Cup gewinnen. (Bild: Reto Martin)

Sébastien Steigmeier ist aktuell einer der besten Schweizer Volleyballer. Mit Amriswil will er morgen den Cup gewinnen. (Bild: Reto Martin)

Philipp Wolf

philipp.wolf@tagblatt.ch

Amriswil oder Nordamerika. Für Sébastien Steigmeier macht es beim Volleyballspielen keinen grossen Unterschied. Volley Amriswil wird professionell geführt, die Löhne werden pünktlich bezahlt, den Spielern mangelt es an nichts. Als Volleyballer ist man in Amriswil bekannt, wird auf der Strasse erkannt und erfährt Wertschätzung. Die Bevölkerung identifiziert sich ein Stück weit mit ihrem Verein und engagiert sich auch gerne für ihn.

Im amerikanischen oder kanadischen College-Volleyball sei das normal, in der Schweiz sei es aussergewöhnlich, sagt der 27- Jährige und erzählt aus seiner Zeit beim Genfer Club Chênois: «Wenn man mich in Genf nach meinem Beruf gefragt hat und ich mit ‹Volleyballer› antwortete, kam zurück, ich solle doch bitte ernsthaft antworten.» In Amriswil hingegen werde man, wie in Nordamerika, als Sportler für voll genommen, sagt der aus der Nähe Genfs stammende Steigmeier.

Geprägt vom Volleyball in Nordamerika

Dass in Nordamerika das Athleten-Dasein einen gewissen Stellenwert hat, erlebte Steigmeier, als er während insgesamt vier Jahren in den USA und Kanada ein Sportstudium absolvierte. Zwar ging der Romand in erster Linie zum Studieren nach Übersee, doch spielte er dort – wenn auch nicht als Profi – auf hohem Niveau Volleyball und schwärmt heute von der dortigen Sportinfrastruktur und der Sportler-Mentalität.

Als Steigmeier 25-jährig sein Studium 2015 abschloss und nach Europa zurückkehrte, um seine Leidenschaft professionell auszuüben, hatte er auch Angebote aus den renommierten Ligen Italiens, Polens oder Frankreichs. Doch der derzeit beste Schweizer und wertvollste Spieler der vergangenen NLA-Saison entschied sich damals gegen ein Engagement im Ausland und stattdessen für das Spielen in einer Liga, für die er eigentlich viel zu gut ist: Er unterschrieb bei Amriswil. «Wir haben die Wahl getroffen, unser Familienleben an Stelle meiner Profikarriere zu privilegieren.» Mit «wir» meint Steigmeier sich und seine langjährige Freundin, mit der er in Amriswil zusammenlebt und die in Zihlschlacht als Pflegefachfrau arbeitet.

Hätte sich der 2.01-m-Hüne für ein Engagement im Ausland entschieden, hätte die private Zukunftsplanung hintenanstehen müssen. Zudem wäre ein Wechsel ins Ausland auf und neben dem Platz mit Ungewissheiten verbunden gewesen. Um seine Karriere als Profisportler im Ausland so richtig zu lancieren, wären bestimmt vier bis fünf Jahre nötig gewesen, sagt Steigmeier. Heute verzichtet er zu Gunsten der Freundin gerne auf eine Auslandskarriere. Bald werden die beiden heiraten, und in naher Zukunft wohl eine Familie gründen.

Entscheidung gegen Kindheitstraum

«Wäre es mir gelungen, mein Studium ein paar Jahre früher abzuschliessen, so hätte ich es sicherlich gerne im Ausland als Volleyballer versucht.» Doch er gewichtete seine akademische Ausbildung stärker als seine sportliche Karriere. Nichts veranschaulicht dies besser als eine Episode aus dem Jahr 2012: Nach dem Meistertitel mit Chenôis hätte Steigmeier seinen Kindheitstraum erfüllen und ein Angebot in Italien annehmen können, um im Land des dreimaligen Weltmeisters Volleyball zu spielen. Nichtsdestotrotz ist er heute glücklich in der heimischen Liga und will Amriswil morgen mit seinem Können gegen Näfels zum vierten Cupsieg in der Vereinsgeschichte führen.