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Volksheld Salah lässt Ägypten träumen

In Ägypten dreht sich alles um Mohamed Salah (25). Er hat das Nationalteam an die WM geschossen, nun hofft das ganze Land auf das Titel-Wunder. Doch hinter der Fitness des Stürmers steht ein Fragezeichen.
Raphael Gutzwiller
Mohamed Salah ist in Ägypten überall: Hier strahlt er von einer Hauswand bei einem Café in Kairos Innenstadt. (Bild: Amir Makar/AFP Photo (Kairo, 4. April 2018))

Mohamed Salah ist in Ägypten überall: Hier strahlt er von einer Hauswand bei einem Café in Kairos Innenstadt. (Bild: Amir Makar/AFP Photo (Kairo, 4. April 2018))

Wie fühlt es sich an, wenn man den Druck einer ganzen Nation auf seinen Schultern spürt? Mohamed «Mo» Salah hatte den Ball auf den Elfmeterpunkt gesetzt in diesem alles entscheidenden Spiel am 8. Oktober 2017. Spielstand 1:1 gegen Kongo. Ägypten brauchte den Sieg. Es lief die 5. Minute der Nachspielzeit.

90 000 Zuschauer im Nationalstadion Borg El Arab und Millionen Ägypter vor den TV-Geräten beteten und träumten davon, erstmals seit 28 Jahren wieder an einer Weltmeisterschaft dabei zu sein. Salah lief an – und verwandelte den Elfmeter souverän. 2:1. Endlich wieder an einer Weltmeisterschaft. Über 100 000 Menschen machten danach in der Innenstadt Kairos die Nacht zum Tag – dank Salah, der schon das erste Tor der Ägypter erzielt hatte. Das letzte Mal an einer WM waren die «Pharaonen» 1990 in Italien mit dabei gewesen. Damals schieden sie in der Gruppenphase aus. Deutschland mit den Stars Andreas Brehme, Lothar Matthäus und Jürgen Klinsmann sicherten sich letztlich den Titel. Das war zwei Jahre vor der Geburt von Mohamed Salah.

In sechs Anläufen war den Ägyptern die Qualifikation danach nicht mehr gelungen. Dabei waren sie in diesen Jahren alles andere als erfolglos, sie gewannen viermal den Afrika-Cup – als erstes Team überhaupt dreimal in Folge (2006, 2008 und 2010). Doch es brauchte einen Mohamed Salah in Topform, damit die Nordafrikaner wieder einmal an eine Weltmeisterschaft reisen dürfen.

Nicht erst seit jenem 8. Oktober 2017 ist Salah der ägyptische Volksheld. Das liegt daran, dass die Ägypter in Salah einen von ihnen sehen. Anders als viele ägyptische Fussballer wechselte Salah nicht schon in den Jugendjahren nach Europa. Er spielte auch bei keinem der grossen Vereine wie Ahly oder Zamalek Kairo. Sein Klub El Mokawloon gehörte einem Bauunternehmen und spielte in der unteren Hälfte der Liga. Nach Europa kam Salah erst nach einer der grössten Tragödien in der Geschichte des ägyptischen Fussballs: Am 1. Februar 2012 starben nach Ausschreitungen in Port Said 74 Menschen. Der Spielbetrieb wurde ausgesetzt, Salah spielte fortan nur noch für die U23-Nationalmannschaft. Im März 2012 trat die Auswahl gegen Basel an, Salah erzielte zwei Tore und wechselte im Sommer zum FCB – als Nachfolger des Schweizer Nationalspielers Xherdan Shaqiri. Der flinke und technisch versierte Salah entwickelte sich rasch zum Publikumsliebling in Basel. Aber das ist nichts im Vergleich zu seiner Unterstützung aus dem Heimatland. Auf der Facebook-Seite des FCB stammten zeitweise mehr als die Hälfte der Follower aus Ägypten. Sechs Jahre später ist sein Beliebtheitsstatus als Star des Champions-League-Finalisten FC Liverpool beinahe ins Unend­liche gestiegen.

«Fussball war für mich einfach nur ein Spiel. Anfangs war es nicht mal ein richtiges Hobby.»

Wie gross die Popularität von Salah ist, zeigen verschiedene Mythen, von denen man nicht bei allen sicher sein kann, dass sie auch stimmen. Im März soll er bei der Präsidentschaftswahl über eine Million Stimmen erhalten haben – obwohl er nicht einmal zur Wahl angetreten war. Dann gibt es diverse Berichte über Wohltaten des Superstars. Da ist die Geschichte des leukämiekranken Jungen, für dessen Krankenhausaufenthalt Salah rund 600 000 Franken spendete. Oder die Story, dass ihm ein Geschäftsmann nach der gelungenen WM-Qualifikation eine Luxusvilla schenken wollte. Angeblich fragte Salah den Mann, ob er stattdessen das Geld haben dürfe, damit er es seiner Heimatstadt Nagrig spenden könne. Und da gibt es sogar noch jene unglaubliche Geschichte des Diebes, der in das Haus von Salahs Eltern eingebrochen war. Salah bewahrte ihn vor der Haft und unterstützte ihn finanziell.

Diese Wohltaten und die sportliche Leistung machen Salah in Ägypten zum Vorbild einer ganzen Generation. Das sagt mindestens ebenso viel über die Gesellschaft Ägyptens aus wie über Salah selber. Ausser ihm gibt es praktisch niemanden, zu dem junge Ägypter aufschauen können. Salah ist aus seiner Generation der Einzige, der es in seinem Metier an die Weltspitze geschafft hat, ohne von seiner familiären Herkunft profitiert zu haben. Im Gegenteil: Salah stammte aus ärmlichen Verhältnissen. In seiner Jugend soll er oft rund sechs Stunden pro Tag im Bus gesessen haben, um von Nagrig zum Trainingszentrum seines Vereins El Mokawloon zu kommen.

An jenem 8. Oktober 2017, als sich Ägypten qualifizierte, zählte Salah zu den besten Stürmern der Welt, ein halbes Jahr später ist er zum Superstar aufgestiegen. Salah wird heute in einem Atemzug mit Portugals Ronaldo und Argentiniens Messi genannt. Unglaubliche 32 Tore erzielte er in der Premier League, 12-mal traf er in der Champions League. Im Halbfinal gegen die AS Roma gelangen ihm im Hinspiel beim 5:2-Sieg zwei Tore und zwei Vorlagen. Als bester Spieler der Premier League wurde er ausgezeichnet, ebenso als Afrikas Fussballer des Jahres. Nun wollen viele, darunter sein Vereinstrainer Jürgen Klopp, dass er den Ballon d’Or erhält – die Auszeichnung für den besten Spieler der Welt. Dabei hatte Salah lange nicht daran geglaubt, Fussballer zu werden. «Fussball war für mich einfach nur ein Spiel. Anfangs war es nicht mal ein richtiges Hobby – höchstens ein weit entfernter Traum», sagte er dem «Liverpool Echo».

Der Final wurde zum Albtraum

Der Traum ist inzwischen Realität, der Champions-League-Final wurde für Salah jedoch zum Albtraum. Nach einer halben Stunde kam er in einem Zweikampf mit Real Madrids Sergio Ramos zu Fall, er verletzte sich an der Schulter und musste ausgewechselt werden. Ohne ihn verlor Liverpool 1:3. Das ägyptische Nationalteam gab bereits am Tag danach Entwarnung: Salah reist an die WM. Wie fit er ist, ist aber ungewiss. Im Testspiel gegen Kolumbien (0:0) fehlte er. Dennoch führt er das Kader an, in dem auch andere in der Schweiz bekannte Spieler stehen: der routinierte Torhüter Essam El-Hadary (ex Sion), Stürmer Mahmoud Kahraba (ex Luzern, GC) sowie die ehemaligen Basel-Spieler Omar Gaber (ausgeliehen an Los Angeles FC) und Mohamed Elneny (Arsenal).

In Ägypten ist Fussball mehr als eine Religion. Die Ägypter seien dem Fussball so verbunden wie die Franzosen dem Wein, schreibt der ägyptische Schriftsteller Alaa al-Aswani. Wenn man die Reaktionen nach der WM-Qualifikation gesehen hat, dürfte er recht haben. Dass die Ägypter sogar vom Weltmeistertitel träumen, überrascht nicht. Und wer die Spiele von Salah in dieser Saison gesehen hat, darf träumen – sofern der Superstar wirklich fit wird. Auch Salah identifiziert sich mit seinem Land. Er sagt: «Es ist eine grosse Ehre, für das Nationalteam Ägyptens zu spielen. Die Landesflagge wird immer einen besonderen Platz in meinem Herzen haben.» Nach 28 Jahren wird die Flagge endlich wieder an einer Weltmeisterschaft zu sehen sein – Mo Salah sei Dank.

Ägypten

Einwohner: 95,7 Millionen
Weltrangliste: 46
WM-Teilnahmen: 3
Bestes WM-Ergebnis: Achtelfinal (1934)
Gründung Verband: 1921
Beitritt zur Fifa: 1923

Besonderheit

Ägypten wurde 1949 Europameister im Basketball! Das nordafrikanische Land nahm zusammen mit dem Libanon bis 1961 an den europäischen Titelkämpfen teil, da es für Afrika keine eigenen Kontinentalwettkämpfe gab. 1949 setzte sich Ägypten im Heimturnier in Kairo vor Frankreich und Griechenland durch.

Kader

Torhüter: El Hadary (Al Taawoun), El-Shennawy (Al Ahly), Ekramy (Al Ahly).

Verteidiger: Fathi (Al Ahly), Samir (Al Ahly), Ashraf (Al Ahly), Hegazi (West Bromwich Albion), Gabr (West Bromwich Albion), Elmohamady (Aston Villa), Abdel-Shafi (Al Fateh), Gaber (Los Angeles FC), Hamdy (Zamalek SC).

Mittelfeld: Elneny (FC Arsenal), Hamed (Zamalek SC), Morsy (Wigan Athleti), Razek (Al Raed), El Said (Al Ahly), Hassan (Kasimpasa), Sobhi (Stoke City), Warda (Atromitos Athen), Abdel-Moneim (Ittihad FC). Sturm: Mohsen (Al Ahly), Salah (Liverpool). Trainer: Héctor Cúper.

Trainer: Héctor Cúper.

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