Vogelmensch ohne Helm

Walter Steiner, einer der besten Skispringer der 1970er-Jahre, stürzte oft und schwer. Der Toggenburger trug keinen Helm, sondern nur eine Wollmütze. Steiner war manchmal so überlegen, dass er freiwillig mit verkürztem Anlauf sprang.

Daniel Good
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SKI NORDISCH. Der 1951 geborene Walter Steiner war auf den Schanzen besonders gefährdet. Insbesondere im Skifliegen war der Wildhauser so dominant, dass er – wenn der gehobene Durchschnitt bei 140 Meter landete – 170 Meter weit kam. Steiner war deshalb ein Opfer von Sensationshascherei. Um einem Wettkampf mit einem Weltrekord zusätzliche Attraktivität zu verleihen, wurde der Anlauf verlängert. Steiner war sich der Gefahr bewusst, seine Einwände blieben aber ungehört. «Sie haben mich fast aufgehängt, als ich gegen die Verlängerung der Anlaufspur war. Man hat mich unter Druck gesetzt, damit es einen Weltrekord gibt», sagte Steiner Mitte März 1974 im damals jugoslawischen Planica. Steiner war in der Form seines Lebens, nachdem er 1972 in Sapporo Olympiazweiter geworden war.

Sturz nach Weltrekord

Im ersten Trainingssprung stellte er am 15. März 1974 in Planica den Weltrekord im Skifliegen von 169 Metern ein, obwohl er «sehr vorsichtig und nur mit halber Kraft gesprungen war». Er sei froh gewesen, dass er den Sprung stehen konnte. «In der Luft habe ich nicht mehr daran geglaubt», sagte Steiner. Der zweite Trainingssprung Steiners an jenem Tag ging zu weit. Nach 177 Metern schlug der Toggenburger ähnlich wie Simon Ammann in Bischofshofen mit einem Tempo von 140 Stundenkilometern mit dem Kopf auf dem Boden auf. Steiner hatte Blut im Gesicht, mit einem schweren Schock wurde er ins Lazarett getragen, sein Erinnerungsvermögen war eine Zeitlang ausser Kraft. Siebenmal habe er gefragt, wie weit er nun gesprungen sei, sagen Zeitzeugen. «Die wollen einen Weltrekord oder mich bluten sehen», so Steiner, als die Jury seinem Begehren nach einem verkürzten Anlauf nicht nachkam. Die Athleten sprangen in den 1970er-Jahren ohne Helm, nur mit einer Wollmütze auf dem Kopf. Steiner absolvierte nach dem schweren Sturz auch den dritten Trainingssprung. «Für das Selbstvertrauen musste ich noch einen Sprung stehen», sagte er. Er landete bei 166 Meter.

Ein Vorsprung wie noch nie

Am 16. März 1974 kamen 50 000 Zuschauer wegen Steiner nach Planica im heutigen Slowenien. Die Organisatoren hatten einen Weltrekord von Steiner angekündigt. Dieser blieb aber vorsichtig, denn die Jury hatte den Anlauf verlängert. «Das ist ein Skandal», sagte Steiner und sorgte vor. Erstmals wählte ein Athlet einen verkürzten Anlauf. Am zweiten Wettkampftag ging Steiner sogar zwei Luken tiefer als die Konkurrenz auf die Schanze. Der «Vogelmensch», wie Steiner wegen seiner Qualitäten in der Luft genannt wurde, gewann den Wettkampf trotzdem so überlegen wie noch keiner vor ihm.

1972 und 1978 wurde Steiner Skiflug-Weltmeister. 1978, im Alter von 27 Jahren, beendete er nach einem Kreuzbandriss und einer Meniskusverletzung die Karriere. Seit 1986 lebt der gelernte Holzbildhauer in Falun in Schweden, wo im Februar die nordische Ski-WM stattfindet.