Villa Kunterbunt: Acht versteckte Geschichten rund um die EM-Qualifikation der Schweizer Nati

Die Schweizer Nationalmannschaft hat sich als Gruppensieger für die EM 2020 qualifiziert. Was aber beschäftigt sie sieben Monate vor dem Turnier in ganz Europa? Ein Rück- und Ausblick mit Siegern wie Verlierern und einigen Fakten.

Christian Brägger und Etienne Wuillemin
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Die möglichen Gegner an der EM

Geschafft! Die Schweizer Nati freut sich über die EM-Qualifikation. (Bild: Anthony Anex/Keystone)

Geschafft! Die Schweizer Nati freut sich über die EM-Qualifikation. (Bild: Anthony Anex/Keystone)

Am Tag nach der Qualifikation beginnt das grosse Rätselraten. Auf wen trifft die Schweiz an der EM? Klar ist: Noch nie gab es eine Auslosung mit so vielen Sonderregeln wie die nun folgende am 30. November in Bukarest.

Ein Grund ist, dass die EM in 12 europäischen Städten stattfindet. Ein anderer, dass die Uefa aus politischen Gründen sehr viele Partien verbietet. Darum kommts zum Kuriosum, dass eine Gruppe bereits vor der Auslosung klar ist, die Gruppe B mit Belgien, Dänemark, Russland und Finnland.

Rund um die Schweiz sind folgende Fakten gesichert: Sie ist in Topf 2 gesetzt. Sie trifft mit Sicherheit auf einen Gegner des Quartetts England, Spanien, Italien oder Deutschland. Und auf einen Gegner des Quintetts Portugal, Österreich, Türkei, Schweden oder Tschechien. Ausgeschlossen sind Gruppenspiele gegen die anderen Mannschaften aus Topf 2, also Frankreich, Holland, Polen, Kroatien und Russland.

Schon jetzt zeichnet sich ab, dass das Leistungsgefälle an der EM-Endrunde geringer denn je sein wird. 24 Teilnehmer werden es sein, von den grossen Fussball-Nationen sind alle dabei. Aus den sechs Vierergruppen werden 16 Teams für die Achtelfinals ermittelt. Der Schweizer Verband erhält 9,25 Millionen Euro Antrittsprämie. Ein Sieg in der Gruppenphase gibt nochmals 1,5 Millionen, ein Remis die Hälfte davon. Der Achtelfinal ist 2 Millionen Euro wert, der Viertelfinal gar 3,25 Millionen.

Das Zitat

Captain Granit Xhaka. (Bild: Keystone)

Captain Granit Xhaka. (Bild: Keystone)

«Wenn Shaqiri wirklich darum ein Problem hat, dann darf er das Captain-Bändeli gerne haben.»

Lichtsteiner spielte 2019 viermal. Als er fehlte, gab es mit Shaqiris Motivationsproblemen die Captain-Frage.

Der Gewinner

Denis Zakaria. (Bild: Keystone/Gian Ehrenzeller)

Denis Zakaria. (Bild: Keystone/Gian Ehrenzeller)

Denis Zakaria war einer der jungen Wilden, als sich die Schweiz im Sommer 2018 an die WM nach Russland aufmachte. Langsam aber sicher drängte er in die Nati-Stammelf. Als dann Valon Behrami nach der WM zurücktrat, begann die Zeitrechnung Zakaria. Und wie! Innert Kürze schaffte er es, dem Team neue Dimensionen zu verpassen. In guten Momenten ist er in der Balleroberung genauso stark wie Behrami. Dazu kommen Dynamik, Power und Torgefährlichkeit. Zakaria ist zusammen mit Nico Elvedi der grösste Schweizer Gewinner dieser EM-Qualifikation.

Aufgewachsen in Genf, wurde Zakaria rasch von seinem grossen Bruder Richard unter die Fittiche genommen. Das Fussballspielen lernten sie auf Beton, Kleider markierten die Tore. «Denis ist viel hingefallen, das tat weh, aber hat ihn stärker gemacht», erzählte der grosse Bruder einmal. Der Vater verliess die Familie früh, die Mutter musste häufig arbeiten. Und doch war ihr wichtig, dass ihre Söhne so oft es ging nach Afrika reisten. Denis Zakaria erinnert sich: «Ich lernte zu verstehen, was für ein Glück es ist, in der Schweiz aufzuwachsen. Gratis Ausbildung, Kleider, eine Toilette, Trinkwasser. Es wirkt alles so selbstverständlich. Aber das ist es nicht.» Zakarias Aufstieg mag schnell erfolgt sein. Herzlichkeit und Bewusstsein für das Leben abseits des Scheinwerferlichts hat er gleichwohl nicht verloren. Heute wird er 23 Jahre jung.

Die Perspektiven

Cedric Itten und Ruben Vargas. (Bild: Key/Anthony Anex)

Cedric Itten und Ruben Vargas. (Bild: Key/Anthony Anex)

Zum Saisonende durften sich mit Vargas, Cömert, Itten und Aebischer je zwei 21- und 22-Jährige im Schaufenster des Nationalteams präsentieren. Das ist schön und gut und suggeriert eine Verjüngung des Kaders. Aber es bleibt vorerst wohl beim Suggerieren. Denn für die EM hat das kaum Einfluss. Vorerst zumindest. Petkovic hatte nämlich zehn verletzte Spieler zu ersetzen, von denen Schär, Shaqiri, Seferovic, Mehmedi, Embolo, Freuler und Zuber sieben gestandene Fixstarter sind im kommenden Sommer, sofern gesund. Und doch haben Itten und Vargas ihre Werbezeit genutzt, um vielleicht ein bisschen mehr zu sein als nur junge Schweizer in der Warteschlaufe hinter dem 23-Mann-Kader.

Die Heimreise

Granit Xhaka. (Bild: Key/Anthony Anex)

Granit Xhaka. (Bild: Key/Anthony Anex)

Granit Xhaka wirkte glücklich, als er sich nach dem 6:1 in die gibraltarische Nacht verabschiedete. Es gab ja auch etwas zu feiern, und der harte Liga-Alltag kommt schnell genug. Besonders für ihn bei Arsenal, wo es schwierig geworden ist seit den Pfiffen. Was wird? Das fragen sich viele Schweizer und vermutlich halb England. Xhaka sagt: «Ich hatte keine einfache Zeit, das wissen viele Leute. Ich hatte mir das alles anders vorgestellt.» Er habe gute Gespräche mit dem Klub geführt und sei gespannt, was in den nächsten Wochen passiert. Er verweist auf seinen bis 2023 gültigen Vertrag, fühlt sich nicht unter Zugzwang. So geben sich Profis, die nichts Falsches sagen wollen – aber am liebsten Reissaus nähmen.

Die Zweifel

Nati-Trainer Vladimir Petkovic. (Bild: Key/Ehrenzeller)

Nati-Trainer Vladimir Petkovic. (Bild: Key/Ehrenzeller)

Lucien Favre will nicht Nationalcoach werden, erteilt dem Amt auf alle Ewigkeit eine Abfuhr. Das ist relevant, weil man überall debattiert, ob Petkovics Vertrag über den EM-Sommer hinaus verlängert werden soll. Die einen wie die Spieler finden ja, die anderen wie gewisse Medien nein. Petkovic äussert sich nicht, nimmt Schritt für Schritt. «Nach der Auslosung gibt es für alle Dinge viel Zeit. Jetzt bin ich einfach stolz auf mein Team.» Es würde nicht überraschen, wenn er vor lauter Frust die Lust verliert. Die Zahlen sprechen in jedem Fall für ihn, er ist der erfolgreichste Schweizer Nationaltrainer aller Zeiten. Vielleicht weiss man am 9. Januar 2020 mehr, wenn sein neuer Chef Tami über «gewisse Dinge» redet.

Der Abwesende

Xherdan Shaqiri. (Bild: Key/Ehrenzeller)

Xherdan Shaqiri. (Bild: Key/Ehrenzeller)

Xherdan, wo bist du? Nur im Final Four bekam die Schweiz ihren Shaqiri zu Gesicht, sonst aber gab es Irrungen und Wirrungen um den verletzten, unpässlichen oder bei Liverpool fast nicht gebrauchten Kreativgeist. So steht 2019 bei ihm auch dafür: Dass es trotz grössten Titeln mit dem Klub nicht immer gute Jahre gibt in der Karriere eines Fussballers, sie drücken dann auf die Moral und letztlich vielleicht auch auf die Motivation. Und weil Shaqiri seinerseits dafür steht, wie gut diese Schweiz sein kann, dient gerade der 28-Jährige als Mahnmal: Im 2020 braucht es wieder mehr gesunde Schweizer, sie müssen in ihren Klubs spielen – oder sie wechseln. Sonst könnte es eher nicht gut kommen.

Das Erstaunliche

Yann Sommer. (Bild: fresh/Thoma)

Yann Sommer. (Bild: fresh/Thoma)

Das tut man, wenn man denkt, es fehlt in der Offensive an Durchschlagskraft: Man hat einen Einfall und setzt auf die Dreierkette. Dennoch staunte der Aficionado, als Petkovic im September vor einem Jahr in England begann, an ihr herumzutüfteln. Heute ist die Dreierkette fester Bestandteil des Schweizer Spiels, macht aus Fabian Schär einen Chef in der Mitte und aus Nico Elvedi einen starken Stammspieler. Daneben scheint Manuel Akanji, der Dritte im Bunde, fast ein wenig zu verblassen. Noch bringt das System aber nicht ausschliesslich Segen, vor allem duldet es keine Nachlässigkeiten wie vor kurzem gegen Georgien; beim 1:0 war Goalie Yann Sommer der Rückhalt. Das sagt alles.