Vier Aufforderungen, etwas zu tun

Eine Publikation der Hallen für Neue Kunst in Schaffhausen macht Vorträge aus dem Beuys-Jahr 2011 zugänglich – vier grundverschiedene Anstösse für gesellschaftliche Veränderungen.

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SCHAFFHAUSEN. Die neue Publikation «Denk-Kapital» der Raussmüller Collection geht auf eine Vortragsserie im Beuys-Jahr 2011 zurück und dokumentiert vier der Beiträge. Ein Ingenieur, zwei Politiker und ein Unternehmer haben sich mit der Frage beschäftigt, wie sich die Gesellschaft weiter gestalten lässt. Ausgegangen sind sie von ihrer persönlichen Wahrnehmung der Installation «Das Kapital Raum 1970–1977» in den Hallen für Neue Kunst, das Joseph Beuys' erweiterten Kunstbegriff transportiert: das kreative Verhalten aller als Grundlage, sich verantwortungsvoll an der Gestaltung unserer Gesellschaft zu beteiligen.

Miteinander und füreinander

Götz W. Werner, Gründer der Drogeriemarktkette dm und Verfechter eines bedingungslosen Grundeinkommens, spricht über kreative Konzepte in der Unternehmensführung, die er als sozial-künstlerisches Verhalten, als ein Miteinander definiert. Er unterscheidet zwischen Gelingen und Erfolg (der Folgen hat und zu einem Umdenken zwingt) und erinnert an die Überzeugung des Kunsthistorikers Michael Bockemühl: «Wirtschaft ist das Füreinander-Leisten.»

Der Schaffhauser Nationalrat Hans-Jürg Fehr betrachtet Beuys' Werk durch zwei Brillen: die private des Politikers, die sozialgeschichtliche (und ergiebigere) des gelernten Historikers. Kunstwerke seien sozial bedingt und das Resultat gesellschaftlicher Zustände und Veränderungen.

Der «Grüne Beuys»

Ingenieur, Kunstsammler und Weinbauer Martin Bölsterli entwickelt acht Leitsätze einer verantwortungsvollen Unternehmens- und Lebensführung, deren Work-Life-Balance nicht nur Arbeit und Privatleben, sondern auch Leben und Natur umfasse.

Fritz Kuhn, Stuttgarts Oberbürgermeister, diskutiert den «Grünen Beuys», seine Idee der «Sozialen Plastik», seine Wirtschafts- und Gesellschaftstheorie und welche Lehren die Politik daraus ziehen konnte und noch kann. «Du kannst keine gute Politik machen, wenn die sozialen Prozesse, die Beuys so wichtig waren, nicht im Kernpunkt der politischen Entscheidung stehen.»

Raussmüller und Beuys

In ihrem einleitenden Essay geht Herausgeberin Christel Sauer konzise auf das Weltbild ein, das der Neuen Kunst zugrunde liegt. Die visuelle Kraft der Kunst wurde als Mittel erkannt, «auf die kritische Wahrnehmung möglichst vieler einzuwirken» und sie «zu einem aktiven, kreativen Verhalten aufzufordern».

«Denk-Kapital» schliesst an die Publikation «Eine Entstehungsgeschichte: Das Kapital Raum 1970–1977 & Die Hallen für Neue Kunst Schaffhausen» an, die die Zusammenarbeit zwischen Urs Raussmüller und Joseph Beuys schildert; sie hat 1984 zur Einrichtung des Werks und zur Schaffung der Hallen für Neue Kunst in Schaffhausen geführt. «Denk-Kapital» gibt der Überzeugung Ausdruck, dass die Kunst doch kann, was seit fast hundert Jahren immer wieder von ihr gefordert wird: aktiv ins Leben zu wirken. (dl)

Denk-Kapital. Ideen zur Gestaltung der Gesellschaft. Hrsg. Christel Sauer. Raussmüller Collection, Schaffhausen 2012. 93 S., Abb., 28 Franken. www.raussmueller.org