Viel Schweizer Schminke

Unter gütiger Mithilfe der Schiedsrichter gelingt der Schweiz an der WM in Prag der erste Sieg. Das 3:1 gegen Frankreich muss sich Glen Hanlons Equipe jedoch erkämpfen. Für die Schweiz treffen Denis Hollenstein, Roman Josi und Reto Suri.

Nicola Berger/Prag
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EISHOCKEY. Womöglich hatten die Referees Pawel Hodek und Aleksi Rantala Erbarmen, als sie sahen, wie verunsichert die Schweizer Nationalmannschaft gestern abend, im zweiten WM-Vorrundenspiel gegen Frankreich, auftraten. Jedenfalls verdankte Trainer Glen Hanlon den ersten Sieg an diesem Turnier vorab den Unparteiischen. In der 16. Minute wurde Frankreichs Sacha Treille für ein Vergehen an Timo Helbling zu Unrecht mit einem Restausschluss belegt, und weil sich die Schiedsrichter dann sagten: Wenn wir die Franzosen schon benachteiligen, dann richtig, schickten sie wenig später mit Antoine Roussel den wichtigsten französischen Angreifer ebenfalls vorzeitig unter die Dusche. Das Vergehen des Flügelstürmers der Dallas Stars: Er hatte auf der Strafbank seine Trinkflasche zu Boden gedonnert.

Frankreich zusätzlich dezimiert

Hodek und Rantala räumten den Schweizern also jede Menge Vorteile ein – und es spielte Hanlons Team auch in die Karten, dass mit Stéphane Da Costa der torgefährlichste Stürmer schon im ersten Drittel verletzt ausfiel. Es lief alles für die Schweiz, schon sehr früh, weil es für eine Nation mit dem Talentlevel Frankreichs fast unmöglich ist, die Kompetitivität zu wahren, beim Ausfall von drei der sechs besten Stürmer. Für das Kollektiv Hanlons schien die Gelegenheit günstig den miserablen Eindruck vom Samstag mit der 3:4-Niederlage nach Penaltyschiessen gegen Österreich wegzuwischen, mit einem Erfolg in überzeugender Manier. Man hätte das erwartet, von einer Nation wie der Schweiz, die sich in ihrem Selbstverständnis auf Augenhöhe mit der Weltelite befindet und von der nächsten Medaille träumt.

Doch in Prag korrespondieren die Ansprüche in diesen Tagen in keiner Weise mit den gezeigten Darbietungen. Gegen Frankreich gelang der Schweiz gestern Verblüffendes: Sie präsentierten sich in einer noch schwächeren Verfassung als gegen Österreich und waren gegen den limitierten Widersacher selbst nach den Toren durch Denis Hollenstein in der 17. Minute und Roman Josi in der 22. Minute nicht in der Lage, das Geschehen zu kontrollieren. Sie leisteten sich unzählige Scheibenverluste sowie Abspielfehler, und konnten sich nach dem Anschlusstreffer durch Damien Raux in der 49. Minute bei Torhüter Leonardo Genoni bedanken, dass der Ausgleich nicht fiel. Der Davoser Meistergoalie war im enttäuschenden Schweizer Kollektiv mit Abstand der beste Einzelspieler, dank seiner 19 Paraden holte die Schweiz die ersten drei Zähler, was ein grosser Lohn für eine kleine Leistung war.

In der Tabelle steht die Schweiz nach zwei Umgängen punktgleich mit Gastgeber Tschechien auf Platz vier, der Tabellenrang hat die Wirkung einer grossen Portion Schminke, weil er die beiden schwachen Leistungen zum Turnierbeginn ziemlich vorteilhaft kaschiert.

Steigerung dringend nötig

Andererseits gibt es an der WM keine Stilnote. Vielleicht war dieser Sieg ja just jenes Erfolgserlebnis, das dieses Team benötigte, um in die Spur zu kommen. Eine deutliche Steigerung ist jedoch unabdingbar in der Begegnung mit Deutschland morgen nachmittag um 16.15 Uhr. Auf so viel Mithilfe der Schiedsrichter wie gestern sollten sich die Schweizer jedenfalls nicht verlassen.

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