Das Schweizer Nationalteam zeigt an der WM viel Gutes und eine Baustelle

Die grosse Euphorie nach dem besten WM-Start seit 1939 ist vorerst gedämpft. Das Schweizer Nationalteam verliert in Bratislava 24 Stunden nach der knappen Niederlage gegen Schweden mit 0:3 auch gegen Russland.

Marcel Kuchta, Bratislava
Drucken
Teilen
Viel Verkehr vor dem Schweizer Tor von Goalie Leonardo Genoni. (Bild: Andy Müller/Freshfocus (Bratislava, 19. Mai 2019))

Viel Verkehr vor dem Schweizer Tor von Goalie Leonardo Genoni. (Bild: Andy Müller/Freshfocus (Bratislava, 19. Mai 2019))

Dass es für die Schweizer Nationalmannschaft an der WM nach den vier Siegen in Serie an diesem Wochenende schwierig werden würde, verriet schon der Blick auf die Statistik. Gegen die Schweden war man an einer WM sechsmal in Folge als Verlierer vom Eis gegangen. Gegen die Russen sogar achtmal. Den Schweizern gelang es auch in Bratislava nicht, diesen Negativtrend zu bremsen.

Das alles war aber nicht besonders schlimm, weil die Qualifikation für den Viertelfinal schon am Samstag nach der knappen Niederlage gegen die Schweden definitiv unter Dach und Fach gestanden war. Entsprechend erlaubte es sich Nationaltrainer Patrick Fischer, die Partie gegen die mit unzähligen NHL-Stars gespickten Russen für ein paar Experimente zu nutzen. So wirbelte er die Sturmlinien durcheinander. Simon Moser kam an der Seite des gegen die Schweden ungenügenden Duos Nico Hischier und Kevin Fiala zum Zug, um mehr Wasserverdrängung in den nominell ersten Sturm der Schweizer zu bringen. Und auch in den anderen Linien blieb kaum ein Stein auf dem anderen.

Das Sorgenkind Powerplay

Das wirkte sich entsprechend auf die Performance der Mannschaft aus. Die sah gegen die entschlossen agierenden Russen zu Beginn kaum Land. Die Sbornaja überforderten die Schweizer immer wieder mit ihren schnellen Kombinationen und ihrer individuellen Klasse. Lukas Frick sucht seinen Gegenspieler Dmitri Orlow wohl heute noch. Der Verteidiger der Washington Capitals liess den Lausanne-Back beim ersten Gegentreffer uralt aussehen, während Torschütze Artem Anisimow von Ambris Michael Fora freundlichen Geleitschutz erhielt.

Man muss den Schweizern zu Gute halten, dass sie vom russischen Dauerdruck zwar heftig gebogen wurden, aber trotzdem nicht brachen. Ja, es wäre letztlich sogar mehr drin gelegen in diesem Spiel. Wenn, ja wenn das Powerplay funktioniert hätte. Schon bei der sehr guten Vorstellung gegen die Schweden hatte den Schweizern das nicht funktionierende Überzahlspiel einen Strich durch die Rechnung gemacht. In sechs Anläufen blieben sie dort ohne Ertrag. Auf der anderen Seite hatten die Schweden eine von drei Chancen genutzt. Und das machte am Ende die Differenz aus.

Dieses Muster wiederholte sich gegen die Russen. Die Schweizer hatten sieben Gelegenheiten, sich mit einem Tor bei numerischer Überlegenheit zurück ins Geschäft zu bringen. Aber wie so oft im bisherigen Verlauf des Turniers fehlte ihnen Spielwitz, Präzision und Entschlossenheit. Auf der anderen Seite kombinierten sich die Russen beim 2:0 durch NHL-Topskorer Nikita Kucherow fast traumwandlerisch sicher durchs Schweizer Boxplay. In diesen Momenten zeigte sich, was der Fischer-Equipe noch zur absoluten Weltklasse fehlt.

Man darf aber davon ausgehen, dass der Nationaltrainer spätestens im letzten Gruppenspiel gegen die Tschechen am Dienstag (12.15 Uhr) erfolgsorientierter coachen wird. Am Montag stösst mit Nino Niederreiter ein weiterer NHL-Stürmer zum Team. Seine Präsenz vor dem gegnerischen Tor kann die Mannschaft bestens gebrauchen. Patrick Fischer dürfte von jetzt an seine besten Kräfte im Überzahl- und Unterzahlspiel forcieren.

Mit grösster Wahrscheinlichkeit werden die Schweizer ihren Viertelfinal am Donnerstag im Zweitspielort Kosice austragen. Die Perspektiven sind trotz der beiden Niederlagen vom Wochenende gut. Mit ein paar Korrekturen ist jeder der möglichen Gegner, vermutlich einer aus dem Trio Finnland, USA oder Kanada, schlagbar.

Schweiz – Russland 0:3 (0:1, 0:1, 0:1)

Bratislava. – 9056 Zuschauer. – SR Björk/Tufts (SWE/USA), Malmqvist/Oliver (SWE/USA).

Tore: 4. Anissimow (Orlow, Gussew) 0:1. 27. Kutscherow (Gussew/Ausschluss Hischier) 0:2. 56. Kutscherow (Anissimow, Saizew) 0:3.

Strafen: 4mal 2 Minuten gegen die Schweiz, 7mal 2 Minuten gegen Russland..

Schweiz: Genoni; Fora, Frick; Weber, Josi; Diaz, Genazzi; Loeffel; Rod, Bertschy, Scherwey; Fiala, Hischier, Simon Moser; Andrighetto, Kuraschew, Ambühl; Martschini, Haas, Hofmann; Praplan.

Russland: Georgijew; Saizew, Orlow; Chafizullin, Gawrikow; Sergatschjow, Nesterow; Sadorow; Telegin, Andronow, Kowaltschuk; Dadonow, Malkin, Grigorenko; Kaprissow, Kusnezow, Owetschkin; Barabanow.

Bemerkungen: Schweiz ohne Janis Moser (verletzt), Mayer (Ersatztorhüter) und Berra (geschont). – Timeout Schweiz (58:04). – Schweiz ab 56:23 ohne Goalie. – Schüsse: Schweiz 31; Russland 34.

Gastgeber verpasst Viertelfinals

(sda) Für Gastgeber Slowakei endet das Turnier am Dienstag vorzeitig. Weil Deutschland gegen die USA 1:3 verlor, können die Slowaken trotz des 4:1-Startsiegs über die USA die Viertelfinals nicht mehr erreichen.

Gruppe A

Deutschland – USA 1:3. Frankreich – Finnland 0:3. Rangliste: 1. Finnland 6/16. 2. USA 6/14. 3. Kanada 5/12. 4. Deutschland 6/12. 5. Slowakei 6/9. 6. Dänemark 5/5. 7. Frankreich 6/1. 8. Grossbritannien 6/0.

Deutschland – USA 1:3 (1:1, 0:0, 0:2) Kosice. – 6293 Zuschauer. – SR Öhlund/Stano (SWE/SVK), Sormunen/Vanoosten (FIN/CAN). – Tore: 12. Tiffels (Draisaitl) 1:0. 14. van Riemsdyk (Keller, Martinez) 1:1. 51. Larkin (van Riemsdyk, Martinez) 1:2. 57. Eichel (Kane, Suter/Ausschluss Bergmann) 1:3. – Strafen: 1mal 2 Minuten gegen Deutschland, 2mal 2 Minuten gegen die USA.

Frankreich – Finnland 0:3 (0:1, 0:1, 0:1) Kosice. – 4682 Zuschauer. - SR Frano/Schukies (CZE/GER), Dalton/Schischlo (GBR/RUS). – Tore: 10. Kiviranta (Lindbohm, Tyrvainen) 0:1. 22. Mikkola (Pesonen, Kakki) 0:2. 53. Sallinen (Savinainen, Kuusela) 0:3. – Strafen: 6mal 2 Minuten gegen Frankreich, 3mal 2 Minuten gegen Finnland.

Gruppe B

Schweiz – Russland 0:3. Österreich – Tschechien 0:8. Rangliste: 1. Russland 6/18. 2. Tschechien 6/15. 3. Schweden 5/12. 4. Schweiz 6/12. 5. Lettland 5/6. 6. Norwegen 6/6. 7. Österreich 6/0. 8. Italien 6/0.

Österreich – Tschechien 0:8 (0:2, 0:3, 0:3) Bratislava. – 9072 Zuschauer. – SR Rantala/Sidorenko (FIN/BLR), Jensen/McCrank (DEN/CAN). – Tore: 7. Faksa (Kolar) 0:1. 15. Kubalik (Gudas) 0:2. 21. Simon (Voracek) 0:3. 31. Repik (Faksa, Kubalik/Ausschlüsse Rauchenwald, Hundertpfund) 0:4. 31. Frolik (Gulas/Ausschlüsse Hundertpfund, Peter) 0:5. 43. Repik (Kubalik, Kolar) 0:6. 45. Kolar (Voracek, Frolik) 0:7. 46. Vrana (Jaskin, Faksa) 0:8. – Strafen: 5mal 2 Minuten gegen Österreich, 8mal 2 Minuten gegen Tschechien.