VERSUCH: «Der sportliche Wert ist klein»

Wenn am Wochenende drei Afrikaner versuchen, 42,195 km in unter zwei Stunden zu laufen, sieht dies Viktor Röthlin als «riesige PR-Geschichte». Der ehemalige Marathonläufer ist dennoch fasziniert – und spricht nebenbei von seinen Hosen, die plötzlich lottern.

Ralf Streule
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Sie wollen die Marathon-Grenzen verschieben: der Äthiopier Lelisa Desisa, der Eritreer Zersenay Tadese und der Kenianer Eliud Kipchoge (von links). (Bild: Nike)

Sie wollen die Marathon-Grenzen verschieben: der Äthiopier Lelisa Desisa, der Eritreer Zersenay Tadese und der Kenianer Eliud Kipchoge (von links). (Bild: Nike)

Interview: Ralf Streule

Viktor Röthlin, beim Rekordversuch am Wochenende werden die drei Marathonläufer in Monza mit gut 21 km/h unterwegs sein. Sie sind 2014 zurückgetreten. Wie lange könnten Sie noch mithalten?

Vielleicht noch etwa zwei Kilometer lang. Früher wären wohl 30 bis 35 Kilometer dringelegen. Bei meiner Bestzeit lief ich den Schnitt von 19,9 km/h (beim Tokio-Marathon 2008 mit 2:07:23 Stunden, die Red.).

Wie stehen Sie dem Projekt Breaking 2 gegenüber, bei dem ein Sportartikelhersteller unter speziellen Bedingungen die Zweistunden­marke im Marathon knacken will?

Die Zweistundenmarke ist die letzte grosse Schallmauer in der Leichtathletik – sie ist Thema, seit ich mit Laufen begonnen habe. Deshalb bin ich einerseits sehr gespannt darauf. Anderseits stinkt es mir ein bisschen, weil es eine riesige PR-Geschichte ist. Es geht nur darum, dass Nike es schafft – egal unter welchen Laufbedingungen. Der sportliche Wert ist daher klein. Das wissenschaftliche Projekt Sub 2, das ähnliche Absichten hat und das Laufen ebenfalls in allen Bereichen zu optimieren versucht, ist weniger marketingträchtig – und scheint mir deshalb seriöser. Verantwortliche von Sub 2 rechnen damit, dass es erst in etwa drei bis fünf Jahren möglich sein wird, einen regulären Marathon unter zwei Stunden zu laufen.

Und wie denken Sie: Wird der Rekord bald gebrochen?

Ich wurde immer wieder gefragt: Wird es irgendwann möglich sein? Vor vier Jahren habe ich noch gesagt: Nein! Ich muss meine Meinung revidieren. Man geht von der Grundregel aus: Halbmarathonzeit mal zwei, plus drei Minuten – das hat bei mir immer ziemlich genau gestimmt. Mittlerweile ist man beim Halbmarathon bei 58:27 angekommen. Da wären wir also beim Marathon unter zwei Stunden. Und der Halbmarathon-Weltrekordhalter Zersenay Tadese läuft beim Projekt ja mit. Fakt ist: Nike hat schon gewonnen, alle reden davon, alle interessieren sich dafür. Der Marketingmensch, der diese Idee hatte, hat seinen Bonus auf sicher.

Der Schuh, mit dem gelaufen wird, dürfte also überbewertet sein?

Was Nike mit dem Karboneinsatz macht, daran forschen alle Hersteller: Die Kraft, die in den Schuh gesteckt wird, soll er wieder zurückgeben – ähnlich einer Feder. Der Leichtathletikverband muss sich das aber gut anschauen, sollte er in Rennen eingesetzt werden. Ist die Karboneinlage eine mechanische Bevorteilung, darf sie nicht erlaubt sein.

Sportethiker finden es moralisch verwerflich, wenn Sportler ausserhalb von Wettkämpfen mit viel Geld an ihre äussersten Grenzen getrieben werden. Wie stehen Sie dazu?

Dieses Gefühl habe ich nicht. Die drei Läufer machen das freiwillig – und sie erhalten viel Geld, ob sie es nun schaffen oder nicht. Von Eliud Kipchoge, weiss ich, dass er sich voller Begeisterung auf das Projekt vorbereitet hat – wie er dies in anderen Jahren auf wichtige Rennen gemacht hat.

Pacemaker, Schuhwerk,die Rundstrecke, ständig sichergestellte Verpflegung: Was senkt die Zeit am meisten?

Eindeutig die Pacemaker. Ich bin immer wieder erstaunt, wie viel Geld Marathonveranstalter ausgeben für Spitzenläufer, wie wenig aber für starke Pacemaker, in deren Windschatten neue Rekorde möglich wären. Stellte man in London allen Topläufern den selben hohen Betrag in Aussicht, wenn jemand von ihnen den Rekord bricht, würden sich die Läufer auch in der Schlussphase helfen, es würde nicht taktiert – Rekorde würden purzeln. Und wenn nun in Monza die Pacemaker sogar ausgewechselt werden, ändert das die Voraussetzungen natürlich enorm.

Haben Sie ausgerechnet, wie schnell Sie in Ihren besten Zeiten bei Breaking 2-Bedingungen gelaufen wären?

Nein. Aber ich weiss, dass ich in Peking 2008 an den Olympischen Spielen einiges besser in Form war als zuvor in Tokio, als ich persönliche Bestzeit lief.

Wie sieht Ihr Alltag unter­dessen aus?

In meinem Lauf-Unternehmen betreue ich Kunden. Ich laufe mit ihnen Marathons, trainiere und mache manchmal den Tempomacher – dieses Jahr in Chicago oder New York, mit Zielzeiten um die vier Stunden. Sonst bin ich stark engagiert für den Halbmarathon um den Sarnersee, den ich ins Leben gerufen habe. Und ich nehme mir mehr Zeit für die Familie. Meine Kinder sind drei und fünf Jahre alt. Vor der Leichtathletik bewahre ich sie aber so lange wie möglich. (lacht)

Selbst trainieren Sie nur noch selten?

Selber treibe ich drei- bis viermal Sport pro Woche, aber nicht nur in den Laufschuhen. Oft gehe ich auch biken oder langlaufen.

Wie fühlte sich der Wechsel vom Spitzen- zum Hobbysportler an?

Das war nicht einfach am Anfang. Es gibt die klassischen Entzugserscheinungen, wenn man täglich zweimal trainiert hat und dann nur noch wenig. Da musste ich den Weg finden. Die Muskulatur ging zurück, plötzlich lotterten die Hosen, die mir zuvor um die Oberschenkel spannten. Und die Körperstabilität hat schnell einmal gelitten. Übungen für Rumpfkraft mache ich noch immer viel – da ich sonst schnell Rückenschmerzen bekomme. Zudem mache ich jährlich einen Herz-Check, um zu sehen, was sich da entwickelt.

Und?

Hohe Tempi kann ich noch immer laufen, der Maximalpuls ist weiterhin sehr hoch. Beim Ruhepuls aber ist die Veränderung gross: Ich war mal bei 28 Schlägen pro Minute. Unterdessen bin ich schon fast wieder bei 40.