Verdrängen? Verarbeiten!

FELBEN. Jann Kessler ist betroffen: Seine Mutter hat Multiple Sklerose. Jann Kessler will betroffen machen mit seinem Film «Multiple Schicksale». Jann Kessler ist 18, der Film ist seine Maturarbeit – und am Wochenende öffentlich zu sehen.

Dieter Langhart
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Mama und Nana: Wenn die Mutter das Altersheim verlässt und ihre Tochter besucht, die an Multipler Sklerose erkrankt ist. (Bild: Jann Kessler)

Mama und Nana: Wenn die Mutter das Altersheim verlässt und ihre Tochter besucht, die an Multipler Sklerose erkrankt ist. (Bild: Jann Kessler)

FELBEN. «Ich als Sohn einer Betroffenen habe keinen neutralen Standpunkt in bezug auf die Krankheit.» Das schreibt Jann Kessler über die Entstehung seines Films «Multiple Schicksale». Er ringt um Form, Inhalt, Ziele und entscheidet sich, «meine Geschichte und das eigene Suchen als roten Faden im Film zu integrieren».

Jann Kessler aus Felben ist 18, besucht die Kanti in Frauenfeld, der Film samt Dokumentation ist seine Maturarbeit. Seine Geschichte ist auch die Geschichte seiner Mutter, die vor vierzehn Jahren an Multipler Sklerose erkrankt ist und seit vier Jahren im Pflegeheim lebt.

Vertrauen schaffen, dann filmen

Jann Kessler hat via MS-Gesellschaft und Facebook nach anderen MS-Patienten gesucht – vierzig waren bereit, ihm Red und Antwort zu stehen. Filmemacher Dieter Fahrer hatte ihm geraten: «Schaffe erst Vertrauen, bevor du filmst.» Er wollte Tiefe statt Breite für sein Projekt, hat fünfzehn Menschen besucht, hat sich für sieben entschieden (eine ist seine Mutter), die sieben Möglichkeiten zeigen, mit der Krankheit umzugehen.

In ruhigen, fast meditativen Bildern begleitet der Film die Kranken, lässt sie und ihre Angehörigen ausgiebig zu Wort kommen. «Multiple Schicksale» zeigt Schicksal und Alltag, Verzweiflung und Mut, Einschränkungen und Ausbrüche. «Bei meiner Arbeit ist ein extremes Vertrauens- und Freundschaftsverhältnis entstanden. Mir ist nicht egal, wie es ihnen geht.» Der Maturand will mit seinem Film die Krankheit öffentlich machen, mit Klischees aufräumen, Verständnis schaffen für die Betroffenen. Die Kamera geht nahe heran und hält doch respektvoll Distanz, enthält sich eines Urteils und klammert auch den Freitod nicht aus: Während der Dreharbeiten hat sich Rainers Zustand derart verschlechtert, dass er dem Verlust der Selbstbestimmung mit Hilfe der Sterbehilfeorganisation Exit zuvorkommen will.

Ein immenser Zeitaufwand steckt hinter dem Film. Eine Woche dauert es, bis Kessler die 28 Gespräche transkribiert hat. Im Studio muss er sich erst einen Überblick verschaffen über 104 Stunden Rohmaterial – nicht am PC, sondern mit Zetteln, auf denen er die Szenen notiert, dann auf einer Tafel arrangiert, um nach Dramaturgie und Spannungsbögen zu suchen.

Um die sechs klug ausgewählten Schicksale, die das Thema MS vertiefen, legt der Filmer das siebente. Er erzählt die Geschichte seiner Mutter und sein Verhältnis zu ihr und zur Grossmutter, zeigt Innigkeit genauso wie Distanz, wenn er ihr aus dem «Siddhartha» vorliest und seine Reflexionen während der Zugfahrten als Off-Ton hörbar werden. «Viele haben mich ermutigt, mich einzubringen, damit der Film persönlicher wird.» Nachvollziehbar wird eines jungen Menschen Weg vom Verdrängen zum Verarbeiten und Verstehen.

«Ich bin gewachsen am Projekt»

Jann Kessler klopft beim Cinema Luna an und zeigt «Multiple Schicksale» im November zweimal. 80 fasst der Saal, 200 stehen vor dem Kino. Wenige Tage später klappt er beinahe zusammen, hat zu wenig auf seinen Körper geachtet. Jann Kessler lacht: «Ich bin gewachsen an diesem Projekt.»

Seit der vierten Klasse dreht er Filme. 2012 hat er mit Simeon Walti Revoltaproductions gegründet, Wettbewerbe gewonnen, Aufträge erhalten. «Meine Interessen sind breit, aber ich verzettle mich gern.» Nach der Matur will er ein Zwischenjahr einlegen und reisen. Studienrichtung? Vielleicht Film, Theater. «Die Welt steht mir offen.»

Jann Kessler (18) Maturand und Filmemacher Felben (Bild: pd)

Jann Kessler (18) Maturand und Filmemacher Felben (Bild: pd)

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