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Verblüffung im Kunstraum

Einer fragt danach, was wir hinterfragen. Doch ist Patrick Kull Künstler oder Historiker? Sein Projekt «Max Daetwyler (1886–1976) – was wa(hr)» wird heute im Kunstraum Kreuzlingen eröffnet.
Brigitte Elsner-Heller
Breitet eine Geschichte im Kunstraum Kreuzlingen aus: Patrick Kull (r.) neben Max Daetwyler. (Bild: Brigitte Elsner-Heller)

Breitet eine Geschichte im Kunstraum Kreuzlingen aus: Patrick Kull (r.) neben Max Daetwyler. (Bild: Brigitte Elsner-Heller)

KREUZLINGEN. Da ist sie, die weisse Fahne, die zu seinem Markenzeichen wurde. Man sieht den Max Daetwyler von 1939, wie er vor einem Marsch nach Bern auf dem Helvetiaplatz in Zürich zu Menschen spricht; dann, ein Jahr später, verteilt er Geld an Kinder, die sich unter seinen Zuhörern befinden. 1963 – wir sehen Daetwyler nun auf dem Limmatquai – ist der zerzauste Bart inzwischen weiss wie die Friedensfahne.

Da ist der Schweizer, der 1914 als erster den Fahneneid verweigerte und daraufhin mit einem psychiatrischen Gutachten bedacht wurde, bereits 77 Jahre alt. Und man hört ihn tatsächlich reden, er wendet sich «an die Nachgeborenen», und seine Stimme wirkt markanter, als man angenommen hätte, sie will sich kaum dem Text anpassen: «Was sind das für Zeiten, wo ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist, weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschliesst.»

Er zündet die weisse Fahne an

Man sieht in dem alten, wie zufällig entstandenen Filmdokument Daetwyler durch eine weite Landschaft gehen. Gemessenen Schrittes, natürlich mit einer Fahne, geht er über Wiesen, mal hierhin, mal dorthin, als wisse er nicht genau, wohin nun mit dem Frieden. Am Waldrand lässt er sich endlich auf einer Bank nieder, und das Unerwartete geschieht: Während der Film, offenkundig von einem Amateur gedreht, aus der Distanz an Daetwyler dran bleibt, zündet der die weisse Fahne an und wirft sie von sich ins Grün. Welch ein Affront gegen den Frieden! Was geht in dem Mann jetzt vor? Doch Daetwyler spannt eine weitere weisse Fahne auf, verschwindet in den Wald. Die Stimme vermerkt dazu: «So verging meine Zeit, die auf Erden mir gegeben war.»

Brief an Herrn Adolf Hitler

Was für eine Historie, was für eine Geschichte, die da im Kunstraum Kreuzlingen ausgebreitet wird. Max Daetwyler hat 1886 bis 1976 gelebt, er hat sich lebenslang für den Frieden eingesetzt, seine Mission führte ihn nach New York wie nach Moskau – es gibt zahlreiche Dokumente, die der junge Zürcher Künstler Patrick Kull ausgegraben hat. Fotografisches Material stammt zum Teil von der Fotostiftung Schweiz, Schriftstücke kommen aus dem Schweizerischen Bundesarchiv in Bern. Hier kann man unter anderem nachlesen, was Daetwyler 1940 an Herrn Adolf Hitler in Berlin geschrieben hat, um ihn darin zu unterstützen, den Krieg aufzugeben. Und dann gibt es den Brief an Patrick Kull, den Daetwyler 1944 aus dem Gefängnis geschrieben hat und der mit den Zeilen beginnt: «Lieber Patrick. [Zeilenumbruch] Im Namen Gottes.»

Quelle: Kull-Institut Zürich

Halt. Hier stimmt etwas nicht. Hier sind wir zu weit gegangen. Oder ist Patrick Kull zu weit gegangen? Kennen wir nicht auch dieses «An die Nachgeborenen»? War das nicht Brecht? Und die weisse Fahne, die Daetwyler 1945 auf dem Dach des Reichstages hisst – hatte das nicht «eigentlich» etwas mit der Roten Armee zu tun? Der Mantel, der auf einem Bügel im Kunstraum an der Wand hängt – hat Max Daetwyler ihn tatsächlich getragen? Immerhin ist es der Mantel, in dem er gleich auf den ersten Fotos zu sehen ist. Als Quelle ist hier jeweils das «Kull-Institut, Zürich» angegeben. Ein Fake? Nein, denn es geht Patrick Kull nicht darum, sich lustig zu machen über die Verunsicherung. Ganz im Gegenteil. Patrick Kull, Künstler und mitnichten Historiker, arbeitet mit unseren Wahrnehmungsmodi, er fragt danach, was wir hinterfragen. Dabei spielt er ein sehr intelligent konzipiertes Spiel mit uns, indem er Situationen schafft, die so hätten sein können. Daetwyler ist etwa Gandhi begegnet, Brecht hingegen vermutlich nicht. Aber hätten sich die beiden denn nichts zu sagen gehabt? Passt Brechts «An die Nachgeborenen» nicht zu Daetwyler? Den vermeintlich historischen Film «Fahnenverbrennung» hat Kull gedreht, das war seine Abschlussarbeit an der Zürcher Hochschule der Künste. Er selbst mimt den Friedensaktivisten; auch auf den «historischen» Fotografien, die aus der Quelle «Kull-Institut» stammen, ist er als Daetwyler abgelichtet. Die Übergänge sind fliessend und zeugen vom überaus achtsamen Umgang mit dem eigenen Konzept, das ihm 2011 den Förderpreis der Hochschule eingebracht hat.

Zur gut durchdachten Ausstellung ist eine sorgfältig ausgearbeitete Publikation entstanden, die kurzweilig zu lesen ist (mit Beiträgen von Ute Christiane Hoefert, Nils Röller und Stephan Bosch).

Doppelvernissage

Heute wird im Tiefparterre zudem Rudy Decelières Installation «Insulaires» eröffnet. Was wie Grillenzirpen oder ein plätschernder Bach klingen mag, sind Geräusche, die er über Blätter einem Tonabnehmer entlockt. Ebenfalls spannend.

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