VELOWECHSEL: An der falschen Rad-WM

Ramona Forchini ist Mountainbike-Spezialistin. Diese Woche startet die 23-jährige Toggenburgerin aber zweimal an der Strassen-WM in Norwegen. Mit 20 Trainingskilometern.

Daniel Good
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Ramona Forchini im WM-Zeitfahren: «Nur einen Rang schlechter als Stefan Küng.» (Bild: Marit Hommedal/EPA (Bergen, 19. September 2017))

Ramona Forchini im WM-Zeitfahren: «Nur einen Rang schlechter als Stefan Küng.» (Bild: Marit Hommedal/EPA (Bergen, 19. September 2017))

Daniel Good

Im Mountainbikesport sind die Schweizer Radfrauen eine Macht. Auf der Strasse das Gegenteil. Es war deshalb für den Schweizer Verband nicht einfach, die Strassen-WM mit einer tauglichen Equipe zu beschicken. So gaben die Funktionäre einer talentierten Mountainbikerin die Chance, sich für die Strassen-WM zu qualifizieren. An einem Etappenrennen in Frankreich vom 5. bis 10. September durfte sich Ramona Forchini an einer verbandsinternen Ausscheidung der Schweizerinnen beteiligen. Die 23-jährige Wattwilerin packte die Gelegenheit beim Schopf und ist als Mitglied der Schweizer Delegation seit der vergangenen Woche in Norwegen, wo bis morgen die Strassen-WM stattfindet.

Am Dienstag bestritt Forchini das Zeitfahren. «Gegen brutale Maschinen», sagt sie mit Blick auf die Konkurrenz. «Ich kam mir vor wie ein Zwerg.» Sie fuhr auf den 26. Platz und war beste Schweizerin. «Nur einen Rang schlechter als Stefan Küng.» Und das mit nur etwa 20 Trainings­kilometern auf dem Zeitfahrvelo. «Mit mehr Vorbereitung wäre ich wohl eine Minute schneller und damit nahe an den besten zehn.» In den technischen Passagen gehörte Forchini schon zu den besten WM-Teilnehmerinnen. Vielleicht, sagt Forchini, könnte das Zeitfahren für sie zum Thema für die Olympischen Spiele 2020 in Tokio werden.

Das längste Rennen ihres Lebens

Morgen ist Forchini, die Mountainbike-Weltmeisterin von 2015 in der Kategorie U23, in Bergen auch im Elite-Strassenrennen der Frauen am Start. Die Strecke führt über mehr als 150 Kilometer. Ein so langes Rennen hat die St. Gallerin noch nie bestritten. «Aber im Training bin ich schon so weit gefahren.» Forchini wird morgen Helferdienste für eine andere Mountainbikerin verrichten müssen. Die EM-Zweite Linda Indergand ist die Leaderin des Schweizer Teams. Forchini kann damit leben. Aber lieber würde sie die eigene Chance wahrnehmen. «Damit ich sehen könnte, wie viel für mich in der Zukunft möglich wäre.»

Wegen der späten Selektion gab es für Forchini keine WM-Vorbereitung. Nachdem sie an der Tour d’Ardeche feminin die Qualifikation für das Zeitfahren und das Strassenrennen mit Bravour geschafft hatte, dauerte es keine Woche mehr bis zur Abreise in den Norden. In der kurzen Pause stand die Erholung im Vordergrund. Die verbandsinternen Selektionsrennen hatten viel Kraft gekostet.

Mountainbike bleibt die Hauptdisziplin

Forchini ist angetan von der WM- Stimmung. Die Norweger sind fasziniert vom Sport. «Schon während der Trainings hatte es unglaublich viele Zuschauer.» Wegen der Massen im Stadtzentrum Bergens mussten die Bewohner eines Altersheims an einen anderen Ort gebracht werden. Der Rettungsdienst konnte nicht mehr gewährleistet werden.

So sehr Forchini die WM-Stimmung an der Strasse ­geniesst, so bleibt doch der Mountainbikesport ihre Haupt­disziplin. Im nächsten Jahr findet die Mountainbike-WM in der Schweiz statt. So hat Forchini doch noch die Chance, an der «richtigen» WM teilzunehmen.