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Karriere zwischen Himmel und Hölle: «Schweizer» Quarterback Roethlisberger steht vermutlich vor seinem letzten NFL-Spiel

Wenn die NFL am Sonntag zum letzten Spieltag vor den Playoffs ansetzt, könnte dies auch das Karriereende des zweimaligen Super-Bowl-Siegers Ben Roethlisberger bedeuten. Bereits am Montag wurde er von den Fans der Pittsburgh Steelers emotional verabschiedet.

Pascal Kuba
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Abschied mit Tränen: Roethlisberger sagte den Fans der Steelers wahrscheinlich Lebewohl.

Abschied mit Tränen: Roethlisberger sagte den Fans der Steelers wahrscheinlich Lebewohl.

Don Wright / AP

Zwölf Minuten lang lief Ben Roethlisberger am Montagabend (Ortszeit) im Heinz Field von Pittsburgh seine Runde. Gerade hatte sein Team gegen die Cleveland Browns gewonnen. Doch darum ging es nicht. Über 60'000 Fans jubelten, um ihn zu verabschieden. Nach 18 Saisons als Quarterback der Pittsburgh Steelers endet wohl seine Ära. Noch ist sein Rücktritt nicht offiziell. Doch allein diese Bilder und Emotionen lassen kaum Zweifel offen. In seinem vermutlich letzten Heimspiel bekam der 39-Jährige einen Abschied nach Mass. Nach seiner Ehrenrunde setzte sich Roethlisberger auf eine Bank und genoss noch einige Minuten den Moment. «Ich bin so dankbar für diese Fans und diesen Ort. Es gibt keinen anderen s­olchen Platz», sagte er danach mit Tränen in den Augen beim US-Sportsender «ESPN».

Der 1,96 Meter grosse Spielmacher, dessen Urgrossvater aus dem Emmental stammt, betritt am Sonntag in Baltimore wahrscheinlich das letzte Mal das Spielfeld. Es wäre das Ende einer Karriere für die Geschichtsbücher, die begann, als Roethlisberger 22 Jahre alt war. Damals wurde er von den Steelers an ­elfter Stelle als Backup-Quarterback gedraftet. Weil sich die damalige Nummer eins aber bereits früh in der Saison verletzte, kam Roethlisberger zum Einsatz und führte das Team auf Anhieb ins AFC-Championship-Game, den Halbfinal in den NFL-Playoffs.

Roethlisberger wird in Pittsburgh gefeiert wie ein Rockstar.

Roethlisberger wird in Pittsburgh gefeiert wie ein Rockstar.

AP

Nun ist er der Spieler mit den meisten absolvierten Spielen im Dress der Steelers, zudem warf er die meisten Touchdowns und Yards. Zweimal gewann Roethlisberger die «Super Bowl» und damit die wichtigste Trophäe im American Football. Das erste Mal im Februar 2006, als jüngster Quarterback mit 23 Jahren. Es ist ein Rekord, den er bis heute hält.

Aus dem Rüpel wurde ein vorbildlicher Spieler

Schnell stieg «Big Ben» zum Fanliebling auf und wurde zur Identifikationsfigur in Pittsburgh. «Er verkörpert alles, was einen Steeler ausmacht», sagte sein ehemaliger Coach Bill Cowher. Doch seine frühen Erfolge konnte Roethlisberger vorerst nicht in einer einzigartigen Laufbahn fortsetzen. Abseits des Spiel­feldes geriet er fast ausschliesslich negativ in die Schlagzeilen. Es kursierten Geschichten, dass er ohne zu zahlen Bars verlassen haben soll und Teamkollegen ­respektlos behandle. Es dauert nicht lange, da hatte Pittsburgh genug von den Eklats und seinem Star.

Es waren schwierige Zeiten für Roethlisberger. In einem emotionalen TV-Interview verriet er, dass er mit dem Hype um seine Person nicht zurecht­komme. Doch gerade, als seine Karriere am seidenen Faden hing, riss sich Roethlisberger zusammen. Er holte sich das Vertrauen innerhalb der Mannschaft zurück und gab seinem Leben eine Wendung. Er spielte den besten Football seiner Karriere und marschierte mit den Steelers 2009 erneut zum Super-Bowl-Triumph. Sein Ruf war wiederhergestellt. Aus dem Rüpel wurde ein verantwortungsbewusster Mann.

Erleichterung: Nach wilden Jahren konnte sich Roethlisberger beim Super Bowl 2009 wieder beweisen.

Erleichterung: Nach wilden Jahren konnte sich Roethlisberger beim Super Bowl 2009 wieder beweisen.

EPA

«Hall of Fame» trotz Kritik

Seine Karriere führt den aus Ohio stammenden Mann wahrscheinlich direkt in die «Hall of Fame», sobald er dafür berechtigt ist, was fünf Jahre nach dem Karriereende der Fall ist. Trotzdem muss Roethlisberger sich den Vorwurf gefallen lassen, nicht alles Mögliche herausgeholt zu haben. Ihm wurde dank seines Körperbaus und seines Wurfarm Grosses vorausgesagt. Die Ausbeute von zwei Super Bowls kann sich sehen lassen. Doch gemessen daran, dass er mit seinem Team jedes Jahr zumindest zum erweiterten Kreis der Titelanwärter gehört, wird er in den USA nicht selten als gescheitertes Talent bezeichnet. «Ich habe noch nie jemanden gesehen, der so talentiert war, aber so wenig erreicht hat wie er», sagte jüngst Colin Cowherd, Experte beim US-TV-Sender «Fox Sports».

Roethlisberger hat am Sonntag die Chance, seine Karriere noch etwas zu verlängern. Dafür will er ein letztes Mal die Playoffs erreichen. Die Chancen, dieses Ziel zu erreichen, sind sehr gering, aber in Takt. Mit einem Sieg über Baltimore, einer Nieder­lage der Indianapolis Colts und keinem Remis zwischen den Los Angeles Chargers und den Las Vegas Raiders wäre ein weiteres Spiel möglich. Ob die Colts, die selbst in die Playoffs vordringen möchten und gegen eines der schwächsten Teams der Liga antreten, ihm diesen Wunsch erfüllen, ist jedoch nahezu un­realistisch.